Was ist eine kapitalistische Klassengesellschaft?

Wörter: 1692; Linkslevel: +1 Echte Sozialdemokraten
In »Warum ist die BRD eine Klassengesellschaft?« wurde die Existenz von Klassen in der Bundesrepublik bewiesen. Die beiden höchsten Klassen sind die herrschenden Klassen. Alle anderen sind unterdrückte Klassen. Hier wird beschrieben, warum das so ist.

 

Oberflächliches und Ideologisches

Wer sich herrschende Klassen vorstellt, stellt sich Klassen vor, die reich, gebildet und oftmals angesehen sind. Klassenspezifische Umgangsformen, ja eine eigene Klassenkultur wird durch Klassengesellschaften hervorgebracht. Diese geht Hand in Hand mit einem Klassenselbstverständnis, Dünkel und (– moderner –) Statusdenken. Letztere sind Instrumente zur Verschleierung der eigentlichen Gleichheit der Menschen. An die Ungleichheit der Menschen glaubte man von der Sklavenhaltergesellschaft bis zum Feudalismus. Im Kapitalismus fand durch die Entwicklung des Bürgertums eine Abkehr von diesem Glauben statt. Selbständiges geschäftsfähiges Individuum konnte nun jeder sein, der das Geld dazu hatte. Jedoch gibt es auch im Kapitalismus ebenfalls Standesdünkel und Statusdenken. Einige wesentliche Unterschiede kommen jedoch hinzu:

Durch allgemeine Schulbildung, insbesondere durch die Entwicklung des Marxismus, welche die Ausbeutung mithilfe des Kapitals und des Privateigentums an Produktionsmitteln aufdeckte, benötigt die herrschende Klasse Handlungsweisen, Ideologien und Ideologeme zu ihrer Rechtfertigung. Formaldemokratien bildeten sich, in denen selbst die Ausgebeuteten formal als Bürger betrachtet werden. Damit diese nicht darauf kommen, daß sie ausgebeutet und unterdrückt sind, rechtfertigt man die Unterschiede ideologisch, täuscht Gleichberechtigung vor dem Recht vor und sorgt dafür, daß Reiche einen guten Ruf haben. Es bildete sich dazu beispielsweise Mäzenatentum und die Sitte, fehlende staatliche Leistungen mit Spenden an Bedürftige teilweise zu kompensieren um den daraus entstehende Ruf zum eigenen Vorteil zu Nutzen. So wurden Suppenküchen selbst von Al Capone gefördert. Weitaus schärfere Waffen sind jedoch die Ideologien, die das Privateigentum an Produktionsmitteln selbst (diffuser Antikommunismus) oder die privatkapitalistische Aneignung rechtfertigen. In modernen Ausbeutergesellschaften entstanden Vokabeln wie „Arbeitgeber“ für Ausbeuter und „Arbeitnehmer“ für Lohnabhängiger und wurden mithilfe entwickelter PR-Mechanismen so weit gestreut, daß eine allgemeine Akzeptanz dieser demagogischen (Siehe »Was ist Demagogie?«) Vokabeln eintrat. Eine wichtige Vorstellung im Sinne der Ideologeme ist die Vorstellung, daß jemand, der reich ist, „es zu etwas gebracht“ hätte. Zwei falsche Komponenten sind hierin enthalten. Erstens die Vorstellung, eines durch eigene Anstrengung erworbenen Verdienstes, zweitens die Vorstellung, derjenige, welcher „es zu etwas gebracht“ hätte, wäre etwas besonderes und religiös übertragen: alle, die reich sind, wären etwas besonderes. Beide Vorstellungen sind demagogisch, die zweite ein unbewußtes Ideologem. Verstärkend kommt hinzu, daß materieller Reichtum bei der sexuellen Partnerwahl hilft. Trotz solcher Vorstellungen wird die kapitalistische Gesellschaft als ungerecht empfunden. Daher entwickeln die Kapitalisten weitere Rechtfertigungsstrategien, in denen die Worte „nützlich“ – „nutzlos“, , „soziale Hängematte“, „auf Kosten anderer leben“, im Faschismus gar „Parasit“ und andere Vorkommen. In gemäßigteren Zeiten sprechen die Kapitalisten von „Leistungsträgern“ und „Leistungsbereiten“, in faschistischen Zeiten von „Leistungsfähigen“. Insbesondere die Betrachtung der „Nützlichkeit“ von Individuen, welche von den Herrschenden ja nicht auf sich selbst, sondern auf unterdrückte Klassen bezogen wird, soll die Schuld an der im Kapitalismus allgemein beklagten Arbeitslosigkeit auf eben jene Unterdrückten abwälzen, die eigentlich ihre Opfer sind, so als hätten eben jene ihre eigenen Arbeitsplätze abgeschafft. Wichtiger Weise muß hier die Ideologie vom (freien) Markt erwähnt werden, welche in einem eigenen Text behandelt werden muß. Diese Ideologie ist naturalistisch von der Evolutionstheorie abgeschaut. Sie ist daher im Prinzip ein primitiver Biologismus1.

 

Wesentliches

Klassen

Klassen entstehen durch Differenzierung vor dem Recht. Sie bilden einen Komplex, der Recht, Eigentum Kultur und Habitus beinhaltet. Klassen sind daher geschichtet. Die Klassengesellschaft funktioniert so, daß sie den Wechsel in eine höhere Klasse mit mehr Rechten nicht zuläßt und der Wechsel in eine niedrigere Klasse als nicht erstrebenswert angesehen ist. Eine Klassengesellschaft funktioniert nur aufgrund kultureller und ideologischer Verankerung. Wir sprechen von Klassendenken. Denken, das hiervon abstrahiert ist in der Regel mit Solidarität für die eigene (niedrige) Klasse verbunden. Denn die Herrschenden haben bereits Klassenbewußtsein.

 

Kapitalismus

Wer im Kapitalismus Gerechtigkeit schaffen will, muß scheitern. Das Maß aller Dinge im Kapitalismus ist das Kapital. Das heißt, daß alle Gegenstände, Prozesse, Personen, Ideen, Verfahren, Traditionen, Begabungen, Talente, Gefühle dem Kriterium der Verwertbarkeit unterworfen werden. Ihre kommerzielle Ausbeutbarkeit bestimmt ihren (Markt)Wert.
Das Recht im Kapitalismus reguliert die Beziehungen vom Standpunkt des Schutzes des Eigentums an verwertbaren Dingen oder Kategorien. Darüber hinausgehender Schutz (etwa an Bürger- oder

Menschenrechten) existiert nur insofern, als er durch Arbeits- oder politische Auseinandersetzungen erkämpft wurde. Häufig existiert er noch nicht einmal in dieser Form, da die Praxis des Rechts für die im Kapitalismus Unterdrückten immer hinter dem geschriebenen Recht zurückbleibt.
Will man also tatsächlich Gerechtigkeit schaffen, muß man etwas grundsätzlicher nachdenken. Z. B. stellt sich nicht erst durch die exponentiell wachsende Weltbevölkerung die Frage nach dem Widerspruch zwischen der Endlichkeit der Erde und dem privaten Grundbesitz. Etwas komplizierter ist es mit dem Widerspruch zwischen der Schwierigkeit als Unterdrückter im Kapitalismus ein Unternehmen zu eröffnen und an den Markt zu bringen und dem bereits vorhandenen privaten Eigentum an Produktionsmitteln, das ihren Besitzern ein Leben ohne Arbeit ermöglicht, während die Unterdrückten Bewerbungen schreiben müssen.
Wenn wir nach der Entstehung des privaten Eigentums an Boden oder an Produktionsmitteln fragen, stellen wir zunächst fest, daß Boden nur durch Gewalt in private Hand gelangt ist. von dort wurde er dann vielleicht weiterveräußert, akkumuliert oder (selten) zerstreut. Grundlage der Entstehung, aber auch der Weiterexistenz dieses Eigentums ist die bewaffnete Gewalt.
 

Tatsächlich war die Unterdrückung bereits vor dem Kapitalismus da. Bauern, Leibeigene und Knechte wurden durch Großgrundbesitzer und Adlige ausgebeutet und unterdrückt. Aus dieser Unterdrückung konnte sich die (nun entstehende) Klasse des Bürgertums befreien. Durch sie wurde der Adel als Klasse abgeschafft. Was nun zur Herrschaft „qualifiziert“ ist das Kapital. Die Methoden der Repression haben sich seither verfeinert.

Und nach vierhundert Jahren Kapitalismus kann man sagen, daß es die Ausnahme ist, daß ein Kapitalist selbst eine Erfindung macht – dafür gibt es ja Wissenschaftler und die sind – auch wenn sie danach streben, ebenfalls große Kapitalisten zu werden – im Prinzip auch selbst ausgebeutet.
Das wesentliche ist jedoch, daß der Kapitalismus alle Beziehungen zwischen den Klassen bestimmt und auch auf die Reproduktionsbedingungen zurückwirkt, also beispielsweise nicht nur den Lohn, sondern auch die Kosten der Reproduktion mitbestimmt. Daher werden die Lohnkosten so gehalten, daß die Arbeiter durch ihre Arbeit gerade eben nicht reich werden und somit in Abhängigkeit bleiben. Die Abhängigkeit der Lohnarbeiter ist (eben aufgrund der Schwierigkeit der Rechtfertigung der Aneignung des gesellschaftlichen Eigentums durch die Kapitalisten) der Kapitalisten höchstes Gut. Es wird sowohl gewaltsam als auch ideologisch mit höchstem Aufwand abgesichert. Instrument dieser Absicherung ist der kapitalistische Staat. Weiß man das, versteht man die gesamte kapitalistische Politik.
Das Eigentum des Kapitalisten, wenn es erst einmal existiert, versucht zu akkumulieren. je mächtiger es ist, desto stärker kann es ausbeuten, da es dann die Lebensbedingungen der Ausgebeuteten am stärksten bedingt, und desto schneller kann es akkumulieren, d. h. Konkurrenten aufsaugen oder Marktanteile erobern. Die Existenz des Eigentums hat also keineswegs den Sinn, die Erfindung des Rades durch Bevorzugung der Ur-Ur-Urenkel des Erfinders zu amortisieren, sondern ist ein demagogisches Instrument der Ausbeutung.
Diese Ausbeutung macht Unterdrückung notwendig. Eigentum existiert nicht ohne Gewalt. Gewalt nicht ohne Waffen. Waffen und Eigentum an Produktionsmitteln bedingen einander. Diejenigen, die die Gewalt praktizieren, leben davon und werden vom Rechtsstaat geschützt. Der Rechtsstaat ist ein Staat, der sich zur Verschleierung der Ausbeutungs- (und Unterdrückungs-) Verhältnisse eines Rechtssystems bedient. Das Rechtssystem schafft demagogische Kategorien, welche nur aus der Sicht der Herrschenden sinnvoll sind. Sie widerspiegeln seinen Charakter und seinen Zweck zu dessen Verschleierung es existiert. Da es in Klassensystemen immer Klassenkampf gibt, gibt es Zugeständnisse an die Unterdrückten, welche dann im Rechtssystem verankert werden. Die Verankerung von Zugeständnissen im Rechtssystem (Z. B. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall) hilft dem Rechtssystem bei seiner Hauptaufgabe (der Verschleierung) und macht es effektiver. Ergebnisse sozialer Kämpfe werden somit in einem System verankert, das den Unterdrückten feindlich gegenübersteht. Die Unterdrückten denken in den Kategorien des Systems. Sie sind ihre eigenen Feinde. Sie sind sich selbst entfremdet.

Die Verfügungsgewalt über das Privateigentum an Produktionsmitteln ist der höchste Sinn und das höchste Gut der Kapitalisten. Zu diesem Zwecke existiert das Privateigentum an Produktionsmitteln als zentrales Dogma der kapitalistischen Klassengesellschaft. Nur durch sie kann der Kapitalist sich den Mehrwert der Produktion aneignen.

Siehe auch:

Echte Sozialdemokraten
»Links und Eigentum – Warum die Linken die Eigentumsfrage stellen«

 

Klassengesellschaft und Demokratie

Moderne Klassengesellschaften geben sich den Anschein von Demokratie. Das verschleiert die Klassenherrschaft. Im Zeitalter der Volksbildung kann Klassenherrschaft nicht mehr gerechtfertigt werden. Daher ist es notwendig Klassenherrschaft zu verschleiern.
Der Anschein der Demokratie wird mithilfe von Medienmanipulation und Ideologie aufrechterhalten. Lügen und eine totale Kontrolle der Berichterstattung gehören dazu. Dabei wird die Medienmanipulation selbst raffiniert verschleiert. Wer die Wahrheit verbreiten will, wird plump oder subtil unterdrückt. Für Leute, die hinsehen ist jedoch klar, daß die Errichtung, Schließung und Verlagerung auch von großen Unternehmen nicht im Parlament beschlossen wird, sondern von Unternehmern beschlossen und mit Hilfe des Staatsapparates durchgesetzt wird.
 

Klassengesellschaft bedeutet Klassenherrschaft. Klassengesellschaften sind immer undemokratisch.

 

Was ist Klassencharakter?

Hat eine Maßnahme, eine Organisation, ein Ideologem, eine Äußerung, eine Politik eine Tatsache ein emergentes Ereignis als Ursache die Tatsache, daß es/sie in einer Klassengesellschaft stattfindet und Klassenkampf herrscht, dann sagen wir: “Diese Maßnahme, diese Organisation, dieses Ideologem, diese Äußerung, Politik oder Tatsache, dieses emergente Ereignis hat Klassencharakter.
 

Siehe hierzu:

Asozialisierte Mitläufer
»Was ist der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie?«,

Nichtlinke
»Warum die BRD undemokratisch ist?«

Indifferente
»Warum die BRD eine Klassengesellschaft ist«,
 
[Evariste]

 

1 Die Übertragung selektionistischer Konzepte auf die Gesellschaft ist antihumanistisch, falsch, hirnlos, autistisch und geschichtslos – oder interessegeleitet. So wird beispielsweise die Idee vom „Arbeitsmarkt“ auf dem die unteren Klassen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, in den herrschenden Klassen euphorisch betrachtet, da sie als Ausgleich zum Markt, auf dem die Kapitalisten ihre Produkte präsentieren müssen, betrachtet wird. Die herrschende Klasse reduziert Menschen auf ihre Ware Arbeitskraft und beurteilt sie danach. Extra ausgebildete Menschen werden zu “Humankapital“. Gelingt es den Herrschenden, diese Ansichten unter den lohnabhängigen Ausgebeuteten zu verbreiten, können diese sich nicht mehr selbst helfen. Sie müssen ideologisch befreit werden.

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