Was ist schlimm am Bologna-Prozeß?

#0066cc;">Wörter 1796#0066cc;">; Linkslevel: +2 Sozialdemokratisierte Linke

Offizieller Zweck

  • Kompatibilität der Abschlüsse
  • Straffung der Studienzeiten (Ideologie)
  • Schaffung internationaler „Wettbewerbsfähigkeit“1

Die Kompatiblilität der Abschlüsse ist tatsächlich ein Drama und der einzige diskussionswürdige Zweck des Bolognapozesses. Eine Angleichung der einzelnen nationalstaatlichen Studiensysteme erscheint deswegen plausibel.
Die Straffung (Verkürzung) der Studienzeiten ist eine alte ideologische Formel der Konservativen. Für sie gibt es keinen plausiblen Grund. – Im Gegenteil hierzu – werden hierdurch aufgehetzte Unternehmer extrem gut – weil lange – ausgebildete Absolventen aus ideologischen Gründen eben gerade nicht einstellen.

 

Ideologische Vorarbeit

Seit Jahrzehnten versucht die CDU/CSU durch bildungsfeindliche Attacken auf das Hochschulsystem entweder die Mittel zu kürzen, Langzeitstudierende zu diskriminieren oder Stellen zu streichen. In den neunziger Jahren ging man dazu über, Bibliotheken auszuhungern. Im neuen Jahrtausend, begannen einige besonders bildungsfeindliche Extremisten schließlich Universitätsgebäude zu veräußern und zurückzumieten.
All dies wurde durch die CDU/CSU, aber auch durch die FDP mit “Leistungs”getöse begleitet. Angeblich würden die Studenten unter Druck mehr Leistung bringen. Diese meist implizit, aber auch explizit vorgetragene Behauptung entbehrt jeder sachlichen Grundlage. Flexibilisierung war das konservative Wunschwort und gleichzeitig Programm aller konservativen Politik – gerade auch der des Arbeitsmarktes zu dieser Zeit.
Die Verquickung privater Bildungsangebote mit denen der Hochschule, eine Förderung des Alumniwesens als Startinstitution des Bildungsmäzenatentums gehörte mit dazu.
Seit Jahrzehnten lancierte die Bertelsmannstiftung Beschlußvorlagen für die KMK und erreichte aufgrund extrem unkritischer Aufnahme einen Einfluß auf das deutsche Bildungssystem, den man nur als Steuerung richtig beschreiben kann. Vor allem die ideologische Beeinflussung von Politik und Hochschulwesen gereicht zumindest der deutschen Professorenschaft zur Schande.

Dann begann auch schon der Bologna-Prozeß. Einige Hochschulen wurden nun genötigt einige Kurse kostenpflichtig zu gestalten, um sie langsam ideologisch auf die Privatisierung vorzubereiten. So hat beispielsweise die “Studierendenschaft” der Universität Greifswald (dämlicher Weise) einer Erhebung von Kosten für die regulären Sprachkurse am Fremdsprachen- und Medienzentrum zugestimmt. Daß es sich hierbei um versteckte Studiengebühren handelt, hat niemand bedacht.
Allein die Tatsache, daß niemand den Stellenstreichungen jener Zeit, in der fast der gesamte akademische Mittelbau gestrichen wurde, in den Arm fiel, sondern im Gegenteil die deutsche Professorenschaft, selbst der eigenen Betroffenheit nicht achtend, gehorsamst zur Exekution schritt, zeigt wie verkommen das politische Bewußtsein deutscher Akademiker heute ist.

Gerade die Sprachkurse zeigen, wohin die Reise geht: Auslagerung und Privatisierung von Bildungsleistungen der Hochschulen ( → »Warum gibt es Privatisierung?«).
Die Kürzung von Assistentenstellen – die Verkleinerung des Akademischen Mittelbaus auf einen Bruchteil der Stärke – die Erhöhung der Akademikerarbeitslosigkeit ist eine politisch gewollte Folge.
Die Streichung von Assistenten schwächt das Kompetenzprofil von Fachbereichen und verschlechtert die Weitergabe von Know-how an die nächsten Diplomanden und Doktoranden.
Zur ideologischen Vorarbeit gehört auch die Erhebung von Studiengebühren. Langfristig wurden diese bereits vom CHE und ihren CDU-Exponenten vorbereitet. So hat in den 90er Jahren bereits der Wissenschaftsvernichtungssenator Ehrhard (Berlin; Stellenstreichungen, Kürzungen) mit Ressentiments gegenüber Studenten gearbeitet und demagogisch argumentiert, der Gemeinbürger könne nicht verstehen, warum Studierende ihr Studium nicht selbst finanzieren, da sie doch im nachhinein davon stärker profitierten, als Leute ohne Hochschulabschluß. Die Studiengebühren sollen die einfachen Geister daran gewöhnen, daß Bildung eine (handelbare) Ware ist. Mit dieser Politik arbeitet die CDU gegen das Recht auf Bildung und die Öffnung der Hochschulen in den 70er Jahren.
Ein wesentlicher Teil der ideologischen Vorarbeit geht auf das „Centrum für Hochschulentwicklung“ (CHE) zurück, das bei der Bertelsmannstiftung angesiedelt ist. Dieses CHE beeinflußt für Bertelsmann – also in privatem Interesse – die Hochschulpolitik, in dem es Lobbyismus auf allen Ebenen betreibt. Vielen ist z. B. das CHE-Hochschulranking bekannt. Genau das soll „Wettbewerb zwischen Hochschulen und Universitäten“ fördern. (Mehr dazu weiter unten.) Die Kultusminissterkonferenz (KMK) wird regelmäßig vom CHE beeinflußt. Hier werden sogar Beschlußvorlagen lanciert. Aufgrund der Tatsache, daß die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mit am CHE beteiligt ist (→ »Was ist schlimm an Public Private Partnership?«(#0099ff;">unfertig)), sind die Universitäten gegenüber dieser öffentlichen Interessen gegenüber feindlichen Organisation wehrlos – ja paralysiert. Das CHE betreibt knallharte neoliberale Politik. Was das bedeutet, steht weiter unten. Endziel ist die Kommerzialisierung des Hochschulwesens.

Elitarismus gehört mit zu den ideologischen Essenzen des Bolognaprozesses, da er ein direkter Gegenspieler zum Recht auf Bildung ist. Mehr dazu weiter unten.

 

Amerikanisierung der Hochschullandschaft

Von den Parteien haben sich vor allem FDP, CDU und CSU mit der Verbreitung neoliberaler Ideologie hervorgetan. Wie schon bei den Krankenkassen, so forderte auch hier vor allem, die FDP beispielhaft für das neoliberale Lager „mehr Wettbewerb“ zwischen den Hochschulen und Universitäten. „Mehr Wettbewerb“ bedeutet eigentlich mehr Konkurrenz1.
 

Was ist schlimm an Wettbewerb zwischen Hochschulen?

Konkurrenz zwischen öffentlichen finanzierten Hochschulen, mit öffentlichen Funktionen ist aber völlig sinnlos! Die Neoliberalen versuchen zu argumentieren, die Leistungsfähigkeit würde steigen, wenn es mehr Konkurrenz gäbe. Dabei stehen bereits die Wissenschaftler in Konkurrenz zueinander. Universitäten sind sehr unterschiedlich strukturiert und haben unterschiedliche Studienrichtungen und Fakultäten. Ein Vergleich ist daher problematisch. Ergebnisse bei der Bewertung setzen sich daher aus allen Richtungen dieser Universitäten zusammen und sind daher zufällig. Die neoliberalen Demagogen gehen jedoch von einem imaginierten Gesamtcharakter der Universitäten aus.
Die Vorstellungen der Konservativen gehen dahin, Universitäten von unterschiedlichem Ruf zu kreieren, damit die bürgerlichen nicht von den selben Hochschulen kommen müssen, wie das gemeine Fußvolk. Das geht nur, wenn einige leistungsfähige mit öffentlichen Mitteln aufgebaute Universitäten in Eliteuniversitäten umgewandelt und andere Universitäten knapp gehalten werden oder in Zukunft in Massenuniversitäten umgewandelt werden.

Hätte man die Phase der Erhebung von Studiengebühren abgeschlossen, hätte man bereits in wenigen Jahren dazu übergehen können, die Eliteuniversitäten zu privatisieren. Begründet hätte man das dann demagogisch damit, ihre Leistung weiter steigern zu wollen.
Der Elitarismus fördert die Durchsetzbarkeit der Privatisierung von Hochschulen und Universitäten und die Durchsetzbarkeit der Warenförmigkeit von Bildung.

 

Methoden und Wirkung

  • Modularisierung des Studiums
  • Verschulung des Studiums
  • Infantilisierung des Studiums
  • Unvollständige Ausbildung
  • Progressive Kostenübernahme durch die Studenten.

Warum gerade die Modularisierung des Studiums zu mehr Kompatiblität führen soll ist rätselhaft. Hier war wohl die Flexiblilisierung, vor alle aber die potentielle Vermarktbarkeit einzelner Kurse der Vater des Gedankens.
Die Verschulung ist eine der Folgen der Modularisierung. Verschulung heißt dabei nicht bloß Praxisferne, da Praktika aus Ausbeutungsgründen im neuen System stets willkommen sind, sondern hauptsächlich Wissenschaftsferne – allerdings auch, daß Theorie und Praxis weniger zusammenpassen, da Rahmenlehrpläne keine große Bedeutung mehr haben.
In vielen Studienfächern kommt es, da Module nicht mehr auf einander aufbauen müssen, zu einer Infantilisierung.
Die Folge nicht nur dieser Modularisierung, sondern schon die der extrem verkürzten Abschlüsse (Bachelor) ist eine unvollständige Ausbildung, die der sogenannte Arbeitsmarkt nicht aufnimmt. Halb ausgebildete Wissenschaftler, Ingenieure, Ökonomomen usw. werden nicht gebraucht. Wer also nicht auf Master studiert, hat kaum eine Chance.
Was das modulare System am besten leistet, ist die Gewährleistung der Abrechenbarkeit der Leistungen bei teilweiser oder ganzer Kostenübernahme durch den Studenten – ein strategischer Baustein.
Es kommt insgesamt zu einer leichten Verkürzung der Studiendauer.

 

Inoffizieller Zweck

Der Bolognaprozeß ist nur eine von mehreren Strategien der Amerikanisierung und Zerschlagung des leistungsfähigen öffentlichen Wissenschafts- und Lehrbetriebs zum Zwecke der Privatisierung.
Da die qualitativ hochwertigen und leistungsfähigen öffentlichen Hochschulen und Universitäten den eher sektiererisch, ideologisch oder auch nur klippschulhaft daher kommenden privaten Hochschulen und “Universitäten” keine Chance auf wirkliche konkurrenzfähige Ausbildung haben, muß das öffentliche Hochschulsystem aus Sicht der Privatanbieter zerschlagen werden. Die spätere Privatisierung der sturmreif geschossenen öffentlichen Universitäten und Hochschulen schafft Anlagemöglichkeiten2
Die Modularisierung kommt dabei den von den Scharlatanen der Bildung bevorzugten Lehrformen entgegen. Dazu gehört auch das Leistungspunktesystem ECTS, das eine Abrechenbarkeit künftiger privat angebotener Module vorbereitet.
Die Verkürzung der Studiendauer ist kein offizieller Zweck, wurde jedoch zum Zwecke der Kürzung von Mitteln bereits jahrzehntelang von der CDU/CSU propagiert. Diese Verkürzung wurde ideologisch mit dem Argument vorgetragen, daß lange Studierende mehr kosten würden und dem Staat außerdem des Lebensunterhaltes wegen auf der Tasche liegen würden. Beide Lügen werden beim ABS unter Broschüre 2 (sehr lesenswert) und Broschüre 3 widerlegt. Tatsächlich ist eine Verkürzung durch äußeren Zwang nicht sinnvoll, da ein langes (intensives) Studium insbesondere in Fächern, die Training erfordern (Mathe, Physik) zu einer besonders guten Ausbildung führt. So entstehen Generalisten.

 

Tatsächliche Resultate

Unvollständige Abschlüsse (Bachelor), die auf dem Arbeitsmarkt nicht nachgefragt werden.
Der einzige sinnvolle Punkt – das Feigenblatt des Bologna-Prozesses ist abgefallen – die Kompatibilität der europäischen Abschlüsse. Dieses Feigenblatt ist bei allen Bemühungen, nicht nur den Studiengebühren, sondern schließlich auch der Privatisierung das Feld zu bereiten, verlorengegangen.
Der Wegfall der Rahmenprüfungsordnungen, insbesondere der externen Prüfungen bei Rechtswissenschaft und Medizin ist eine Katastrophe für die Vergleichbarkeit von Abschlüssen.
Die Studierbarkeit vieler Studiengänge ist enorm schlecht geworden. Die für die Abrechenbarkeit der Module vorgenommenen vielen Zwischenprüfungen und stärker als das die Planlosigkeit der Zusammenstellung, vor allem aber die Tatsache, daß diese (künftig handelbaren) Module nicht mehr wie früher die Lehrpläne ordentlich aufeinander aufbauen, verringern die Studierbarkeit und bewirken einen enormen Niveauverfall. Die stark kritisierte Prüfungsdichte ist indes sehr unterschiedlich, wie auch der ganze Bolognaprozeß nicht zuletzt aufgrund lokal fehlender Einsicht sehr inhomogen umgesetzt wurde. Von der erreichbaren Tiefe eines solchen modular aufgebauten Studiums darf man gar nicht mehr reden.
Oft wird am Bologna-Prozeß kritisiert, daß die Abschlüsse nicht mehr richtig „berufsqualifizierend“ sind. In Hinsicht auf die fachliche Ausbildung teilen wir diese Einschätzung, weisen jedoch darauf hin, daß die meisten Hochschulabschlüsse (außer Ingenieur, …) gar keine berufsqualifizierenden Abschlüsse sein sollen, sondern Akademische Abschlüsse. Die Studenten sollen an den Hochschulen und Universitäten in erster Linie das Denken lernen. Das ist allerdings schon lange vorher in Vergessenheit geraten3.
 

Die Ziele

  • Kompatibilität der Abschlüsse und
  • Straffung der Studienzeiten

#c5000b;">sind nicht erreicht worden.
Das Ziel

  • mehr Wettbewerb zwischen den Hochschulen“

#c5000b;">ist völlig idiotisch.

Der Bologna-Prozeß steht heute so nackt da, daß selbst die dümmsten, gehorsamsten und borniertesten Professoren sich zumindest wundern, wie das alles geschehen konnte.
Dabei ist die Antwort einfach – politische Dummheit, Obrigkeitshöhrigkeit und Legalismus – alte deutsche Untugenden die sich in deutschen Köpfen so wohl fühlen wie die Professoren auf ihren C4-Stühlen, sind dafür verantwortlich.
 

Der Zweck
des Ganzen – die neue#c5000b;"> Klassenhochschulbildung sollte dereinst gute und schlechte Bildung bzw. gute und schlechte Abschlüsse bereitstellen, damit die Hirten von der Eliteuni und die Schafe von der Massenuni kommen. #c5000b;">Man soll die Leute künftig wie in den USA und Frankreich nach den Universitäten beurteilen, von denen sie kommen.
Gut sein, indem man andere schlecht macht ist typisch konservativ!
Die #c5000b;">Vermarktbarkeit von Bildung trennt den Weizen von der Spreu und schafft #c5000b;">Investitionsmöglichkeiten.
Weiterführende Literatur:

[Evariste]
 

#c5000b;">Übrigens hat ein FDP-Bildungspolitiker mal geäußert, daß es mehr Studenten geben wird, wenn Bildung Geld kostet, weil die Leute die Bildung dann erst richtig schätzen lernen.
Wir sehen: Demagogen ist nichts zu blöd!

1 → hierzu »Was ist Demagogie?«: Euphemismen – „Wettbewerb“
3 Die Idee der Schaffung von Hochschulen nach der Zerschlagung des Faschismus, die Idee, jedes Studium auch mit dem Studium von Gesellschaftswissenschaften verbinden zu können, die Idee universeller oder wenigstens fachübergreifender Bildung ist längst gestorben. Sie ist der Ökonomie geopfert und der CDU-Hetze zum Opfer gefallen. → obigen Link zur Broschüre 2

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