Was ist für Linke asozial?

Wörter: 692; Linkslevel: +2 Sozialdemokratisierte Linke
Der Begriff “asozial” wird häufig pejorativ gebraucht und steht in diesem chauvinistischen Sinne für arme, marginalisierte oder auch faule Arbeitslose. Wir Linken1 insbesondere auch Kommunisten haben jedoch einen eigenen sinnvolleren Begriff von “asozial”, den wir direkt aus dem Wort ableiten. Es zeigt sich, daß unser Begriff ein hochpolitischer ist, der außerdem ein wichtiges Werkzeug im politischen Kampf darstellt.

 

Der linke – der eigentliche Begriff der Asozialität

Asozial bedeutet nicht-sozial und bedeutet z. B. Egoismus statt Gemeinsinn. Extrahiert kommen wir auf folgende linke Definition:
Asozialität bedeutet fehlende Verantwortung für die Gemeinschaft.
Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen, ist eine Vernunftleistung des Homo Sapiens. Sie muß daher erlernt werden.
 

Schema der Kreiserweiterung

Normalerweise können die meisten Menschen Verantwortung für sich selbst übernehmen. In der Regel können sie auch noch Verantwortung für die Familie übernehmen. Da die meisten Menschen sozial denken, übernehmen sie auch für etwas größere Gruppen Verantwortung: die Kinder der Nachbarn, die Kollegen oder die Schulklasse der Kinder. Es ist klar, daß wenn sie auch noch Verantwortung für größere Zusammenhänge übernehmen, sie automatisch bereits verantwortlicher (erwachsener)sind. Gibt es bezüglich der Erweiterung des Kreise nur kapazitive, aber keine ideologischen Schranken, sind sie auch linker. Denn wer ansonsten in diesen größeren Zusammenhängen mitmischt, tut das nur um Partikularinteressen durchzusetzen (→ »Was ist der Unterschied zwischen Links und Rechts?«) – ist also rechts. Man kann sagen, daß je größer der Kreis ist, für den man sich verantwortlich fühlt, desto sozialer – also linker – ist man. Kommunisten fühlen sich prinzipiell für alle diskriminierten Gruppen in allen Ländern auf der Erde zuständig. Der Kreis der Verantwortung erweitert sich entsprechend dem Vermögen bzw. dem Erwachsensein. Denn Erwachsensein bedeutet Verantwortungsbewußtsein.
Es gibt von diesem Schema der Kreiserweiterung entsprechend dem Vermögen bzw. Erwachsensein Abweichungen – nennen wir sie Inversionen, da die Wichtigkeit dann umgekehrt ist. Eine solche Inversion kommt z. B. zustande, wenn jemand mit der Sorge um seine Familie überfordert ist, weil er im Beruf alles geben muß, oder sich nicht um sich selbst kümmert, obwohl er in anderer Hinsicht vielleicht einiges leistet. diese Leute können von rechtsgerichteten mit dem pejorativen Begriff der Asozialität bedacht werden, der hier nicht verhandelt werden soll. Für diese Phänomene gibt es Erklärungen, die in der jeweiligen Geschichte der Personen und äußeren Zwängen begründet liegen.
Es gibt aber auch Leute, die es ablehnen, sich um einen größeren Kreis zu kümmern, obwohl sie dessen Probleme verstehen könnten. – Die also eine Grenze ziehen – entweder um die Familie, eine größere Gruppe oder um ihre Klasse. (Linke reden hier von Partikularinteresse.) Solche (rechten) Leute kümmern sich selbst nur um bestimmte Sorten von Menschen (z. B. Herr Ackermann um seine Aktionäre). Solche Menschen benutzen häufig selbst den pejorativen Begriff “asozial”. Genau solche Menschen sind selbst asozial. Ihre Wahrnehmung von Verantwortung ist in vielen Bereichen ideologisch begrenzt, bzw. in einem engen Kreis zurückgeblieben. Der Verantwortungsbegriff selbst wird von ihnen pervertiert. Sie setzen Partikularinteressen durch und verhalten sich systematisch oder sogar programmatisch verantwortungslos. Die Durchsetzung partikulärer Interessen nennen sie demagogisch Verantwortung.
 

Gesellschaftliche Implikationen

Die „zurückgebliebene“ Asozialität ist eine Eigenschaft der kapitalistischen Klassengesellschaft. Sie ist nicht invertiert, der Kreis ist nur klein. Kapitalisten, die sich in ihrer Klasse wohlfühlen, sind teilweise zur Abgrenzung erzogen worden. Sie stehen dem Gemeinwohl, den Gesamtinteressen, den Interessen der von ihnen Ausgebeuteten und letztlich der integrativen Gesellschaft feindlich gegenüber.
Tritt die „zurückgebliebene“ Asozialität bei armen Leuten auf, nehmen sie, da sie politisch nicht oder unzureichend agieren, letztlich ihre eigenen politischen Interessen nicht wahr. Es kann aufgrund ideologischer Beeinflussung durch die Herrschenden sogar dazu kommen, daß arme Menschen das Anschauungsmuster der herrschenden Klasse übernehmen. Sie denken dann im Sinne der Herrschenden und verteidigen deren Partikularinteressen. Da eine solche den eigenen Interessen widersprechende Haltung unlogisch und schmerzhaft ist, muß sie zwingend durch eine stramm rechte Ideologie oder durch Menschenverachtung begleitet sein, da der Widerspruch sonst offenbar wird. Der Asoziale, muß die Verachtung der Herrschenden für sich selbst übernehmen. Um dann nicht zu bemerken, daß er sich selbst verachtet, muß er seine (künstliche) „Überzeugung“ stärken. Je schmerzhafter die Selbsttäuschung ist, desto fanatischer muß er seine schädliche Überzeugung zelebrieren.
Ressentiments sind daher eine logische Folge von Asozialität.

[Evariste]

 

Siehe auch

»Was ist ein Ressentiment? – Wie funktioniert ein Ressentiment?«

1 Erläuterung in »Schule des Linksseins« ganz oben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hilfe

WordPress theme: Kippis 1.15