Was ist schlimm an Präimplantationsdiagnostik?

Wörter: 1536; Linkslevel: +2 Sozialdemokratisierte Linke
Einleitung

Im Zuge des wissenschaftlich-technischen Fortschritts entstehen neue ethische Fragestellungen.1 Einige wissenschaftlich-technische Erkenntnisse berühren gefährlicher Weise den Blick auf den Wert des Menschen. Meistens jedoch ist es nur die Verführung zur Ausnutzung sich neuartig ergebender Effekte, die den Wert des Menschen bedrohen. Wie es die Natur des Menschen im Kapitalismus so will, sind Dummheit, Skrupellosigkeit und kommerzielles Interesse mit im Spiel.
In der Diskussion steht seit einigen Jahren die Präimplantationsdiagnostik (PID), die als Diagnoseverfahren, bei der Auswahl von künstlich befruchteten Eizellen bzw. weiter fortgeschrittenen “Produkten” den Erfolg von Invitrofertilisationen erhöhen soll.
Die Vermeidung von Erbkrankheiten und unfruchtbaren Eltern Kinder zu ermöglichen soll Zweck des ganzen sein.

 

Begriffe

Was ist Präimplantationsdiagnostik?
Präimplantationsdiagnostik (PID) bedeuet – wie das Wort sagt – Diagnostik vor der Einpflanzung in den Uterus.

Abgrenzung von der Pränataldiagnostik
Pränataldiagnostik bedeutet Diagnostik vor der Geburt (z. B. mit Ultraschall).

Was ist Invitrofertilisation?
(IVF) bedeutet künstliche Befruchtung außerhalb des Körpers (im Glas) zum Zwecke der Einpflanzung.

 

 

Bisherige Argumente

Argumente der Kirchen

Extrahiert ist die Argumentation der Kirche: Die befruchtete Eizelle ist heilig. (Ein schönes Beispiel dafür, wie ein Tabu trotz unzureichender Analyse Schutz sein kann. Tabudiskussion)

 

Zentrales Argument der Gentechnikbefürworter

Darf man einen Embryo mit Alter kleiner als 3 Monate abtreiben, wenn man einen (menschlichen) Zellhaufen nicht aussortieren darf. Bzw. anders herum formuliert: Warum darf man einen (menschlichen) Zellhaufen nicht aussortieren, wenn man eine Fötus abtreiben darf?

 

Behindertenposition

Künstliche Selektion ist nicht nur ein faschistischer Gedanke, sondern vor allem ein Indikator für die Akzeptanz von andersartigen Menschen.

Schlimmer noch als der Gedanke der Selektion von Zellhaufen wirkt der Gedanke, daß z. B. genetisch bedingte Kleinwüchsigkeit oder andere Besonderheiten beseitigt werden sollen. Wäre das der Fall, würden Behinderte mit diesen Eigenschaften alleine sein. Die Idee der Beseitigung dieser Eigenschaften wirkt bedrohlich. Vor dem Hintergrund, realexistierender Ressentiments in der kapitalistischen Gesellschaft erzeugt eine ausrottende Einstellung bzgl. bestimmter Behinderungen Angst.2

 

Vorbetrachtung:
Gentechnik und PID unter den kapitalistischen Bedingungen

1. Kaptitalverwertungslogik

Der Kapitalismus heißt Kapitalismus, weil er jede als verwertbar erkannte Ressource als Wert definiert und ausbeutet – also der Kapitalverwertungslogik unterwirft. Der Wunsch nach gesunden Kindern oder nach einem bestimmten Geschlecht ist heute schon weltweit ein ungeheurer Markt.
 

2. Statusdenken

Statusdenken führt (wie gezeigt in …) zu Entsolidarisierung. Sie ist die Voraussetzung für egoistisches Handeln. Die Gewöhnung an egoistisches Handeln führt zur Dekadenz. Dekadenz und Egoismus führen zu Geschäftsmodellen, die eine Minderheit der Menschheit mit Leistungen bedienen, die für die Mehrheit absolut utopisch sind.

 

 

Unsere Argumente

Derzeit in der BRD noch im Gespräch ist die PID für infertile Paare oder bei der Erwartung genetisch bedingter Krankheiten. Auf genau diese Ausgangssituation gehen wir im folgenden ein.

 

Was ist schlimm an Präimplantationsdiagnostik?

0. – die In-vitro-Fertilisation
Die eigentliche Ursache für alle ethischen Probleme mit der PID ist in Wirklichkeit die In-vitro-Fertilisation. Sinn dieses Eingriffes kann ja nur die Manipulation vorgegebenen Genmaterials aus niederen Gründen sein. Der Faschismus liegt, wie man sehen wird in der Vorgabe, da man ja Kinder auch adoptieren kann.
Es gibt derzeit keine Rechtfertigung für manipulative Eingriffe in die Blasto- und Embryogenese, da die 2. – 7. Tage alten Embryos nicht die letzten der Menschheit sind.

1. – Machbarkeit des Menschen
Im Artikel »Warum der Humanismus nicht tot ist« wurde bereits erläutert, daß eine routinierte Manipulation an Föten von einer Machbarkeitsphilosophie zu einem Machbarkeitswahn, und von diesem über die Degradierung menschlicher Eigenschaften zu einer geldwerten Ware die bestellt und bezahlt wird, eine ideelle Entwertung menschlicher Eigenschaften stattfindet. — Und was wird ein gemachter Mensch wert sein, wenn die bezahlte Manipulation mißlingt? – Ein Rückgaberecht gibt es nicht!

2. – Selektionismus — Einfallstor des Faschismus
Der deutsche Faschismus ist mit seiner „Nationalsozialismus“-Ideologie ist bekannt als völkischer, Rassistischer und biologistischer Faschismus. Infolge dieser Ausrichtung wurden Menschen mit Erbkrankheiten als „nicht lebenswert“ aussortiert und ermordet. Nun gibt es die Idee, der Selektion im Zellhaufenstadium. Diese Idee, sollte sie sich durchsetzen, ist nicht klar von der Selektion zwischen Embryonen abgrenzbar. Je später sie stattfindet, desto mehr Probleme kann man sehen. Das nur nebenbei.
Unsere Kritik ist, daß es sich hierbei um künstliche Selektion handelt. Künstliche Selektion mißt Individuen einen Wert bei. Natürliche Selektion tut das nicht. Künstliche Selektion erfolgt also nach Kriterien und ist nicht unschuldig. Die befruchteten Eizellen bzw. Embryonen werden extra zur Auswahl überproduziert und dann größtenteils verworfen. Damit werden sie zu biologischem Material degradiert. Wir vertreten die Ansicht, daß Manipulationen nur zum Zwecke der Reparatur vorgenommen werden sollen. Da man Gene noch nicht reparieren kann, können Erbkrankheiten noch nicht ausgeschlossen werden. Im Kapitalismus sollen sie das auch nicht! (siehe »Wie kann man Gentherapie erlauben?« (ELL = +5))

3. – Faschismus des eigenen Genoms
Niemand kennt sein Genom und niemand hat es selbst erfunden. Die Idee, zeugungsunfähigen Eltern, zu „eigenen“ Kindern zu verhelfen ist biologistisch. Kommerzielles Interesse macht eine imaginierte genetische Identität zum Fetisch.
Wir betonen hier, daß kein Mensch bisher sein eigenes Genom kennt – geschweige denn – selbst entwickelt hätte. Wer sich biologistisch auf das „eigene“ Genom kapriziert, tut dasselbe, was die BRD mit ihrer „Blutspolitik“ jahrzehntelang mit den Russlanddeutschen getan hat und dasselbe, was die Nazis mit ihrer Rassenpolitik getan haben: Er mystifiziert biologische Eigenschaften und entfernt sie damit als Heiligtum von der Wissenschaft.
Das Mysterium des „eigenen“ oder „familiären“ Genoms ist eben gerade keine Stärkung des Humanismus sondern Egoismus. Nur das Recht auf Gleichbehandlung kann ein sinnvolles Kriterium sein. Dieses Recht fordert jedoch zunächst die Adoption elternloser Kinder. Ein Recht auf Pflege des „eigenen Genoms“3 kann es nicht geben.

4. – IVF und PID als ethisches Einfallstor für Genmanipulationen
Eine routinierte PID wird die Selektion und vor allem die Genmanipulation zum Standard machen, von dem auch Nichtbehinderte profitieren wollen. Wie man sehen kann, gab es bereits vor der ersten funktionierenden Gentherapie einen Markt für Gentherapie, auf dem dubiose Firmen nichtexistente Therapien angeboten haben. Die Aussicht auf Heilung oder gar Lebensverlängerung wird alle Bedenken zerstreuen. Jeder Preis wird gezahlt werden. Daher sind insbesondere im Kapitalismus Verbote nötiger denn je.

5. – Abgrenzung zwischen Reparatur und Verbesserung ist nicht möglich
Der Katalog der Reparaturen wird künftig immer weiter ausgeweitet und irgendwann nicht mehr vom Katalog der Verbesserungen abgrenzbar sein. Reichtum wird im Kapitalismus entscheidend für die Machbarkeit und Armut ein Ausschlußkriterium für diese planetar nicht verallgemeinerbare Technologie sein. Nach der Einführung von Enhancement-Techniken, die sich nach vielen Pannen als für Reiche vorbehaltene Leistung etablieren wird, wird es Mode, tierische Gene in reiner und manipulierter Form aufzunehmen, um übermenschliche Eigenschaften zu entwickeln. Diese werden die verschiedensten, auch kulturellen Nebenwirkungen haben und wenn der Faschismus, der zu ihrer Einführung führt, weiter anhält, wird die Ausbreitung von Designergenen zum Verlust der Kreuzbarkeit und damit zur Auflösung der Art führen.

6. – Dekadenz der energieverbrauchenden Nordhalbkugelbewohner
Es gibt angesichts des Hungers, der Lebenserwartung viele Bewohner des Planeten und den noch fehlenden medizinischen, den Ernährungs- und Verhütungs- Standards in armen Ländern derzeit keine Rechtfertigung unter allen Umständen eigene genetisch (p)reparierte Kinder zu produzieren.

7. – Das Risiko
Insbesondere bei schwacher oder fehlender Indikation schwerwiegende Manipulationen am eigenen Körper vorzunehmen, ist wie wir der Geschichte der Schönheitschirurgie entnehmen können, keine Besonderheit. Das abstruseste Risiko wird man aus Dummheit, Geltungssucht, Scham oder Eitelkeit eingehen, Verantwortunglosigkeit und Geldgier werden die Partner auf der anderen Seite bewegen, jedes nur denkbare Menschenexperiment zu wagen. Der verantwortungsloseste Pfusch am Genom wird mit Inaussichtstellung der verrücktesten Ergebnisse stattfinden.
Wenn Eltern, die keine Kinder bekommen können, Der Natur ins Handwerk pfuschen wollen, ist das keine ausreichende Begründung.

 

Unsere Position kurz

0. Medizinische Leistungen für den Einzelnen sollten der für die Allgemeinheit entsprechen. Die Allgemeinheit sollte planetar verallgemeinerbare Leistungen zunächst bei und nach medizinischer Indikation erhalten.
1. Keine manipulierende Humangenetik und keine Eingriffe in die Keimbahn —
2. vor allem — keine künstliche Selektion im Kapitalismus.
3. Niemand hat das Recht auf Invitrofertilisation
4. Niemand hat das Recht auf Kinder aus eigenem Genom, wenn eine natürliche Zeugung nicht möglich ist.
5. Künftig Vermeidung von Erberkrankungen soll nur unter den Bedingungen des Sozialismus, der globalen Verallgemeinerbarkeit und sozialen Verfügbarkeit gestattet werden.
6. Reparatur vor der Befruchtung bei ausreichender Erforschung der und Absicherung gegen alle Risiken nach Etablierung der Technikfolgenforschung und gerechtem Zugang aller zur Technologie.
7. Ein Kinderwunsch ist keine Krankheit und damit keine ausreichende Indikation.

 

Fazit

Schlimm an der PID ist ihr Zweck – die Invitrofertilisation! Die Invitrofertilisation schafft erst das Szenario, in welchem die Diskussion ob die Selektion einzelner Zellen oder die Abtreibung eines Fötus schlimmer ist. Die Invitrofertilisation selbst schafft den Überschuß an Föten, welcher sie zu menschlichem Verbrauchsmaterial degradiert. Dieser Überschuß ist ein mit Vorsatz geschaffenes Szenario.
Die menschliche Natur schafft auch einen Überschuß – diesen allerdings vor der Befruchtung. Wenn die normaler Weise hohe Qualität der Abläufe nach der Befruchtung nicht ausreicht, sollten wir nicht versuchen, der Natur ins Handwerk zu pfuschen. – Dafür ist die Zeit noch nicht reif! Und ganz bestimmt ist sie es nicht im Kapitalismus!
[Evariste]
 

1 Deswegen gibt es z. B. das SF-Genre, welches in seiner ursprünglichen nicht-pervertierten Form eben diese Fragestellungen vorausschauend abarbeitet.
2 Gerd Prokop ist in seinen Timothy-Truckle-Romanen auf diese Problematik eingegangen.
3 Ein Resultat der Erforschung der Evolution ist, daß die Evolution gar nicht wirklich Geno- oder Phänotypen optimiert, sondern Gene optimiert bzw. ihre Verbreitung, Effizienz und ihr Zusammenwirken mit anderen Genen optimiert. Die genetische Evolution ist als keine der Organismen, sondern eine der Gene.

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