Zersiedlung

Wörter 1272; Linkslevel: +2 Sozialdemokratisierte Linke

— Über Zersiedlung, lange Reisewege, Ökologie und eine Ursache der Kinderlosigkeit —
 

Das Wort Zersiedlung läßt einen an die USA denken, wo alle Städte von langgezogenen Suburbs umgeben sind und die Menschen aufgrund dieser 2-dimensionalen Variante des Wohnens täglich viele Stunden im Auto zubringen müssen. Zersiedlung ist jedoch auch ein Problem Mitteleuropas – sogar Deutschlands.
Flächenverbrauch und Straßenbau sind Folgen der Zersiedlung.

 

Reisegeschwindigkeit und Entfernung

Dies wird deutlich, wenn man den Zusammenhang von historischer Reisegeschwindigkeit und Flächenverbrauch betrachtet.
Man findet hierzu Untersuchungen zu den Auswirkungen der Reisegeschwindigkeit auf die Fahrzeit, die man für den täglichen Weg zur und von der Arbeit benötigt. Diese Untersuchen wurden linken und Ökologischen Organisationen bezüglich des Sinnes weiteren Straßenbaus betrachtet und bekannt gemacht. Dabei kam heraus, daß die Fahrzeit, die heute im Auto, Zug oder Bus verbraucht wird, etwa der entspricht, die vor 30 Jahren bereits verbraucht wurde. Trotzdem legen die Menschen heute auf Grund verbesserten Straßenausbaus, einer verbesserten Verkehrsführung, vor allem aber höherer Reisegeschwindigkeiten weitaus größere Entfernungen zurück. Das bedeutet, daß die Menschen heute in wesentlich größerer Entfernung zur Arbeit leben. (Die „Ökologen“ zogen daraus den richtigen Schluß, daß weiterer Straßenausbau zu stärkerem Verkehr führt und sich bereits mittelfristig nicht mehr lohnt, da der Verkehr sich relativ schnell den Möglichkeiten anpaßt. Benzin ist einfach noch zu billig!) Hier geht es jedoch um etwas anderes. Das Problem der langen Reisewege betrifft auch Familien, Ehen und Partnerschaften. Wenn man 50 oder 70 km zur Arbeit fahren muß, stellt sich die Frage, wie man die Kinder zum Kindergarten bringen soll.
Mit dem Straßenbau wächst nur die Reisegeschwindigkeit. Neue Straßen ziehen Verkehr an.

 

Wohnfläche und Arbeitswege

Das Problem des Flächenverbrauchs hängt eng mit der Höhe der Gebäude in einer Kultur zusammen. Wohnen und arbeiten Menschen in mehretagigen Häusern, ist der Flächenverbrauch weitaus geringer, als bei zweidimensionaler Besiedlung. Bei zweidimensionaler Besiedlung, wie man sie z. B. in Nordamerika findet, wohnen die Menschen in endlosen Vororten (Suburbs), in die und aus denen sie dann täglich mit ihren Fahrzeugen hinein und wieder hinaus, fahren. Dadurch entsteht ein enormer Energieverbrauch. Die Zersiedlung hat jedoch noch weitere Nachteile. Die Schulwege der Kinder verlängern sich, Einkaufsmöglichkeiten können nur noch mit dem Auto erreicht werden, Bushaltestellen lohnen sich nicht, da zu wenige Menschen in der einfachen Fußgängerentfernung wohnen.
Zersiedlung verhindert öffentlichen Verkehr.

 

Flexibilisierung und Kinderfeindlichkeit

Noch problematischer wird es, wenn die Arbeit 300, 700 oder gar 1000 km weit weg ist. Die wie auch immer geartete Partnerschaft ist so dauernd getrennt. Ein Problem, das für die Bundesrepublik sehr typisch ist und eine der Hauptursachen für Kinderlosigkeit.
Das Problem der Kinderlosigkeit ist natürlich nicht durch den Ausbau des Straßennetzes verursacht. Dafür ist seine Ursache im Gegenteil auch Ursache des ersten Problems.
Diese Ursache hierfür liegt darin, daß wir uns nach der Ausbildung insbesondere nach dem Studium heute landesweit bewerben müssen um überhaupt Arbeit finden zu können. Da auch Frauen heute ökonomisch unabhängig sein wollen, das alte Rollenmodell zerfällt und sich in konservativen Kreisen gerade herumspricht, daß man auch in Süddeutschland echte Kindergärten braucht, hat sich der Druck auf dem sogenannten Arbeitsmarkt mittlerweile so verschärft, daß man klaglos in andere Bundesländer umzieht. Dieser völlig unsinnige Flexibilisierungsdruck hat katastrophale Folgen: Zum ersten die erwähnte Kinderlosigkeit, da Partner und Ehepaare nicht zusammenwohnen können. Zum zweiten, die Ost-West-Migration, die zur Entwertung öffentlicher Infrastruktur im Osten und der tatsächlichen Entvölkerung ganzer Landstriche in Ostdeutschland führt.
Er ist Ursache einer verfehlten ideologischen Politik, welche den Profit so sehr über das Wohl der Menschen stellt, daß die Geburtenrate seit Jahrzehnten um über 40% eingebrochen ist. Kinder groß zu ziehen ist Luxus in der BRD.
Kinderfeindlichkeit ist eine Grundeinstellung dieser Gesellschaft. Die bis in die Familien reichende Flexibilisierung läßt Partnerschaften mit gleichen Karrierechancen nicht zu.
Die Wirtschaft fordert diese “Flexibilisierung”, sie fordert auch den Straßenausbau.
Die Zersiedlung ist auch eine Folge der Flexibilisierung der Bevölkerung.

 

Antiökologischer Umbau

Ungeachtet sozialer oder ökologischer Katastrophen wird die Wirtschaft immer unsinniges Zeug fordern. In der Wirtschaft denkt nämlich jeder nur an sich. Den Konkurrenzkampf in dem sie stehen, haben die Unternehmer verinnerlicht. Ihr Denken ist hierdurch beschränkt. Die Wirtschaftsverbände sind sogar unfähig, Maßnahmen zu akzeptieren, die alle Konkurrenten gleichzeitig belasten würden. Konservative Politiker zitieren genau dieses Denken und dieses läßt ihnen keinen Spielraum! Die Ölkonzerne wollen Öl verkaufen und die Autohersteller Autos. In der Zulieferer Industrie gibt es viele Arbeitsplätze. Deswegen will niemand etwas bewegen. Spediteure wollen den Transport auf der Straße, welcher vor zehn Jahren noch über die Schiene abgewickelt wurde. Daß sich in sieben Jahren kaum noch jemand Benzin leisten können wird, hat bisher noch niemand ernsthaft betrachtet.
Es gab eine Zeit in der In der Bundesrepublik von ökologischem Umbau die Rede war. Es ist mittlerweile zwanzig Jahre her! Eine Zeit in der auch Worte wie Abrüstung und friedliche Koexistenz in Mode waren. Diese Themen sind allesamt auf Parteien links von SPD und Grünen übergegangen.
Wie auch soll jemand, der die Dogmen der Marktwirtschaft übernommen und verinnerlicht hat, den ökologischen Umbau voranbringen? Wie soll, wer der Standortlogik folgt, kinderfreundlich sein?
Wie soll, wer Öl verkaut oder Autos baut, den Verkehr auf die Schiene verlagern wollen?
Wie soll, wer gewissenlos öffentliches Eigentum verscherbelt, die Bahn zu Profitzwecken zerschlägt und privatisiert, eine Flächenversorgung und höhere Taktdichten, Abstimmungen mit anderen Naverkehrssystemen und weitere öffentliche Funktionen implementieren – wenn sie ihm doch völlig egal sind?
Wie soll, wer öffentlich Partei für große Energiekonzerne ergreift, Kohlekraftwerke baut, … kleine Energieeinspeiser vor Obstruktion durch eben diese Konzerne schützen?
Wie soll, wer heute noch der US-Mobilitätsideologie folgend Straßen ausbauen möchte, eine CO2-Reduktion im Kopfe haben?
Wie soll, wer noch nicht einmal in der Lage ist, jungen Menschen eine Berufsausbildung zukommen zu lassen, welche sie überhaupt erst zu wertvollen Sklaven der Industrie macht und zur Teilnahme am Konkurrenzkampf befähigt, überhaupt in der Lage sein, konstruktiv Politik zu gestalten?
Versorgung und Verkehr der Bevölkerung, sowie die materielle Produktion sind ineffizient durch Zersiedlung. Die kapitalistischen Wirtschaftsweise fordert jedoch diese Zersiedlung.

 

DDR

In der DDR wurde der städtische Verkehr hauptsächlich über öffentlichen Verkehr abgewickelt. Dazu gehörten Straßenbahnen und Busse, U-Bahnen, Schienenbusse und ganz früher Oberleitungsbusse. Auf ein Auto mußte man mindestens zehn Jahre warten.
In der DDR war das Problem berufsbedingter Trennung kaum vorhanden. Nur in wenigen Berufsgruppen („Mein Mann ist auf Montage.“) gab es eine solche längere Trennung. Der schlimmste Einschnitt war die Armeezeit. In der Regel konnten beide Partner in derselben Stadt oder Region Arbeit finden. Die Zahl der Geburten lag konstant bei 2,1 Kindern pro Frau. In der DDR war man von der Schulzeit an fest in die Gesellschaft eingebunden. Eine ähnliche Einbindung gibt es in der BRD nur aufgrund alter christlicher Traditionen, die jedoch am konservativen Rollenbild der Frau festhalten. Eine Befreiung daraus bedeutet auch heute noch für viele Frauen in der BRD Kinderlosigkeit.
So gesehen war die DDR bereits im 21. Jahrhundert!
Aber wie war das möglich?
Wenn man in der DDR Arbeit haben wollte, hat man sie in der Regel in der selben Stadt gefunden. Wenn dies mal nicht der Fall war, hat jedoch der Partner in derselben Stadt Arbeit gefunden. Ich selbst wollte, um mein Abitur an der Abendschule machen zu können, eine Arbeit näher an meiner Wohnung finden. Als Arbeiter bin ich ohne jegliche Bewerbungsunterlagen zu unterschiedlichen Betrieben gegangen und hätte sofort anfangen können. Leider konnte man mir dort nicht genügend Geld zahlen. Ich blieb in dem Betrieb, in dem ich gelernt hatte. Neben der Betriebsberufsschule war der Betriebskindergarten.
Die DDR hat Probleme gelöst, die in der Marktwirtschaft intrinsisch vorhanden sind und offenbar nur durch Abschaffung des Kapitalismus zu lösen sind.

 

Heute

sollte sich klar darüber werden, daß der individuelle Straßenverkehr sterben muß. (»Warum der Individualverkehr sterben muß«)
Ein bis zwei Personen, auf 1½ t Fahrzeugmasse sind planetar nicht verallgemeinerbar.
 
[Evariste ]

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