Was ist Sozialchauvinismus? (-1)

Wörter: 933; Linkslevel: -1 Nichtlinke

Abgrenzung

Hier ist nicht der von Lenin genutzte Begriff des National-Chauvinismus der (falschen) Sozialdemokratie (Sozialchauvinismus I) gemeint, sondern die Verachtung der Armen und die Verehrung der Reichen (Sozialchauvinismus II).

 

Voraussetzungen

LL = -2
In »Was ist ein Ressentiment? – Wie funktioniert ein Ressentiment?« wurde bereits erläutert, daß der Sozialchauvinismus das wichtigste Werkzeug der Unterdrückung ist.

 

Was ist Sozialchauvinismus?

Der Sozialchauvinismus ist ein Ressentiment. Das bedeutet Verachtung, Respektlosigkeit durch persönliche Einstellung. Er richtet sich gegen Arme bzw. Leute mit niedrigem Sozialstatus.
Der Sozialchauvinismus ist der Haß auf die Armen. Er resultiert aus dem Statusdenken, aus Notwendigkeit des Reichen die Abgrenzung zu den Armen emotional zu unterstützen und aus den Angst anderer Armer vor ihrem eigenen Mitgefühl oder aus der Angst vor der Armut selbst. Die Verachtung trifft Menschen mit niedrigem Sozialstatus. Das bedeutet gering gebildete oder Arme — aus kapitalistischer Sicht Menschen, die es zu nichts gebracht haben.
Oft sind auch die Armen selbst vom sozialchauvinistischen Ressentiment betroffen. Dann hassen sie sich selbst, was zu fatalen Sichtweisen und Handlungen führt.
 

Aspekte des Sozialchauvinismus

Die Verachtung der Armen ist nur eine Seite der Medaille. – Sozialchauvinismus bedeutet auch, daß man Reiche toll findet. Dies‘ desto mehr, je weiter rechts man eingestellt ist. Sozialchauvinismus bedeutet, daß man Reiche verehrt. In den USA – dem kapitalistischsten entwickelten Land – hält man Reiche für erfolgreich. Analysiert man us-amerikanische Filme findet man nicht nur Gewaltverherrlichung – um die es hier nicht geht, sondern auch viel Sozialchauvinismus. Z. B. Werden in besonders rechten Filmen systematisch Reiche als gut und Arme als schlecht dargestellt. In dem Film »Auf Messers Scheide« wird ein Reicher als überlegen und moralisch überlegen dargestellt und ein armer – als quasi elender Schurke. In dem Film Iron-Man wird ein übler Rüstungsindustrieller – nebenbei ganz besonders besonders gewaltverherrlichend – als gut dargestellt. US-amerikanische Filme spielen weit überproportional im Reichen-Milieu. Die Armen bekommen das Leben der Reich quasi als Norm vorgesetzt. Implizit lernen sie Arme und sich selbst zu verachten. US-Amerikaner glauben tatsächlich, daß ihre Ausbeuter Wohltäter sind. Sie tun das, weil sie so weit rechts stehen, daß sie die Wahrheit nicht erkennen können. Insbesondere sind sie zur Solidarität unfähig, da sie den Sozialchauvinismus teilen – sich also selbst verachten.
Die Verehrung der Reichen ist im Kapitalismus kulturell verankert und ermöglicht Eigentumsprivilegien, Mäzenatentum und Ausbeutung. (Jedes Ressentiment hat seine andere Seite – die Verehrung der der Targetgruppe als gegenüberliegend betrachteten Gruppe.)
Auch in der BRD – die noch nicht ganz so weit rechts ist – gibt es diese Tendenzen. Die Idee, als etwas zu gelten, wenn man Geld hat, ist bereits klar eine Form des Sozialchauvinismus. Wenn jemand ein für seine Verhältnisse zu teures Auto kauft, ist das Sozialchauvinismus, wenn jemand so dumm ist, mit Geld zu protzen, obwohl er es sich nicht leisten kann – sich gar dabei ruiniert – ist das starker Sozialchauvinismus.
Zwischen rechts und links gibt es einen kontinuierlichen Übergang. Erst im echten (Was ist echte und falsche Sozialdemokratie?) sozialdemokratischen Bereich wird die Solidarität unter Ausgebeuteten so stark, daß sie die Ausbeutung kritisiert.
 

Historie

Der Sozialchauvinismus war historisch immer da, da er das erste und notwendigste Ressentiment einer unterdrückerischen Gesellschaft ist. Ohne dieses Ressentiment können Herren keinen Leibeigenen, keinen Bauern, keinen Stallknecht, keinen Diener und keinen Knappen für sich arbeiten lassen. Ohne dieses Ressentiment gibt es keine Herren und keine Herrschaft. Erst die Bewußtmachung kann eine Befreiung der Unterdrückten bewirken. Das ist geschichtlich jedoch eher neu.
 

Herrschaft bedeutet Unfreiheit des Denkens

Im Falle idealer Herrschaft übernehmen die ausgebeuteten Klassen dieses Ressentiment vollständig. Das Denken der Unterdrückten ist dann unfrei. Sie selbst verorten sich an einer bestimmten Stelle in der Hierarchie und glauben, daß das so seine Richtigkeit hat.

 

Sozialchauvinismus heute

Auch im Kapitalismus gibt es natürlich Sozialchauvinismus. Er ermöglicht es den Reichen auszubeuten Unternehmern Beschäftigte zu entlassen und den Richtern Menschen aus Wohnungen zu werfen. Dieses Ressentiment ist eine Grundvoraussetzung für die Ungleichbehandlung der Menschen. Es schadet den Armen. Es ermöglicht Diskriminierung Ausgrenzung und Ausbeutung.
 

Woran bemerkt man Sozialchauvinismus?

Vielfältige Verhaltensweisen und Äußerungen weisen auf die Verachtung der Mitmenschen hin. Diese Verachtung kann unterschiedliche Formen annehmen. Beim Sozialchauvinismus geht es um Menschen mit niedrigem Sozialstatus. Sie werden je nach Grad des Ressentiments entweder
schwach

  • übergangen,
  • nicht beachtet,
  • elementar nicht berücksichtigt,
  • verachtet,
  • gehänselt,
  • absichtlich übergangen,
  • absichtlich außen vor gelassen,
  • absichtlich geschädigt,
  • verhöhnt,
  • versteckt bekämpft
  • oder offen bekämpft.

stark
Daß man von Ressentiments verletzt wird, bedeutet nicht zwangsläufig, daß man sie ablehnt. Oft vertiefen solche Verletzungen das gleiche Ressentiment und führen (hier) zu besonders verbissenem Streben nach Reichtum. Solche verbissenen Verletzten sind die besten Untertanen. Sie verachten sich selbst ohne es zu wissen.
 

Wann ist man selbst sozialchauvinistisch?

Eigene Ressentiments beruhen oft auf Verletzungen und Zurücksetzungen, seltener auf anerzogenem Dünkel. Wenn man ein schickeres Auto haben will, als andere, — schickere Kleidung oder mit teurem Schmuck protzen will, glaubt man daß das Ansehen vom Geld abhängt. Dieses wirkt allerdings nur auf Leute,die das genauso sehen.
Dem Streben nach Reichtum und Vermögen liegt nicht immer nur der Wunsch nach Sicherheit und Wohlstand zugrunde. Oft ist er mit Statusdenken vermischt. Wenn man schließlich reich ist, muß man diesen Reichtum, der dazu führt, daß andere für einen arbeiten, ja vor sich selbst rechtfertigen. Vor zweihundert Jahren war das einfach. Der Adel dachte einfach von Geburt an besser zu sein. Heute muß man den anderen irgendwie die Schuld geben. Man muß man sagen: „Ich habe meine Chance genutzt und die anderen nicht.“ Man muß sie dafür verachten, daß sie es „nicht geschafft haben“ oder einfach glauben, daß man schlauer ist. Einige sind so ehrlich die Armen für ihre fehlende Durchtriebenheit zu verachten.
[Evariste]

 

Auf höheren Linksleveln geht es weiter mit:

LL = ±0
»Was ist gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit?«
 
LL = +1
(»Warum gibt es Kriminalität?«)
 
LL = +2
In »Was ist für Linke asozial?« wird der Begriff des Sozialen bzw. Asozialen begründet, der von der gesellschaftlichen Ebene her wirkend, auf der Ebene des Persönlichen für Mitgefühl und Solidarität bzw. Feindschaft, Egoismus und auch Kriminalität konstituierend ist.
»Was bewirkt der Sozialchauvinismus?«
 

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