Was ist schlimm an Mystifizierung?

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Einleitung

Für „Mystik“ gibt es bisher keine befriedigende Definition, denn sie bezeichnet den Kult um irreales also nicht-existentes. Die Anhänger von Mystik haben die Vorstellung von etwas übernatürlichem oder „Transzendentalen“( – ein Wort, das genauso auf den Müllhaufen der Geschichte gehört,) nachzuspüren. Von Mystik leitet sich das Wort Mystifikation ab, welches die Bedeutung verdunkeln oder täuschen hat – und letztlich die Substantivierung Mystifizieren der Verbbildung mystifizieren.
 

Aber was bedeutet es wirklich?

Zunächst muß bemerkt werden, daß die Mystifizierer vor allem sich selbst täuschen und ihre eigenen Gedanken verdunkeln. Noch wichtiger – aus der Perspektive der Evolution der Begriffe und Kategorien – statt Begriffe zu klären und zu erhellen werden sie verdunkelt, nach der Art, daß man anstatt einer Erklärung ein Wort setzt, und dies dann für einen Begriff hält. Physiker haben für diesen Vorgang den schönen Spruch:
 
Fehlen die Begriffe Dir – nimmst Du schnell ein Wort dafür.
 

Mystifizierung täuscht Begriffsbildung vor.

 

 

Erkenntnisdefizit

Mystifizierung bedeutet daher, daß das Denken dort aufhört, wo der mystische (weil unbegründete oder für unbegründbar gehaltene, jedenfalls nicht durchleuchtete) Term – das Wort, das für einen Begriff gehalten wird, anfängt. Das Gegenteil der Mystifizierung ist folglich die Aufklärung. Sie dient der Erhellung – das heißt dem Verständnis – letztlich der langsamen Bewußtwerdung der Menschheit.
In der Wissenschaft besteht an der Front der Forschung oft die Gefahr der Mystifizierung. Diese Gefahr besteht insbesondere dann, wenn Resultate nicht verstanden werden. Man nimmt dann mitunter einen Begriff an, welcher die unverstandene Erscheinung mystifiziert.
 

Mystifizierung ist eine Denkgrenze.

 

 

Verschleierung

Bei der Mystifizierung wird ein Begriff durch ein mit Gefühl, Emotion, Wertung, mit nichtrationaler Bedeutung aufgeladenes Wort ersetzt. Die meist parteiliche Wertung und die Emotionen verdecken den Mangel an Verständnis.

Mystifizierung verschleiert fehlendes Verständnis.

 
Mystifizierung kann daher als Mittel zur Verschleierung eingesetzt werden. Genau das ist in Demagogie und Populismus der Fall.
 

 

Wesen der Mystifizierung

Das Wesen der Mystifizierung liegt darin, daß durch emotionale Aufladung eines Worte statt einer verständniserzeugenden Erklärung falsche und wertende Assoziationen gebildet werden, die ein sachlich nicht begründbares Assoziationsfeld eröffnen, und so Verknüpfungen erstellen, die man als Pseudobedeutungen bezeichnen muß. Die Pseudobedeutung kann eine wahre Bedeutung überdecken oder (– meistens –) bei einer nicht vorhandenen Bedeutung einen Pseudobegriff ohne reale Grundlage schaffen. Dieser generiert falschen Sinn.

Mystifizierung erzeugt Pseudobedeutung und Pseudosinn.

 
Dieser falsche Sinn kann z. B. Bedürfnisse von Minderheiten befriedigen und so von Interesse sein.
 

 

Demagogie

Daher spielt neben der Problematik der unzureichenden Erkenntnis auch die Demagogie eine bedeutende Rolle. Sie ist oft der Zweck für die Mystifizierungen oder ihr Fortbestehen. Die meisten Mysterien sind heute demagogische Mysterien.

 

Feinde bzw. Ziele von Ressentiments

Der liebste Feind ist der, den man nicht kennt! So gibt es Parallelen bei der Diskriminierung von Ausländern und Homosexuellen, aber auch religiösen Minderheiten. Die Feindschaft gegenüber diesen Gruppen ist da am ausgeprägtesten, wo man sie (ihre Vertreter) nicht kennt. Was man nicht kennt wird mystifiziert und damit in der Anschauung entmenschlicht – ein Vorgang, der für die Betroffenen im Mittelalter auf dem Scheiterhaufen und in der Nazizeit im KZ enden konnte.

 

Beispiele für Mystifizierungen

Nation (Rechtsextremismus)

Eigentlicher Weise steht „Nation“ für eine Ethnie samt Kultur und Sprache. Durch Mystifizierung (insbesondere in der Nazizeit) wurde die „Nation“ zu einem Wesen verklärt, das über dem Individuum steht (Nationalismus). Heute wissen aufgeklärte Menschen, daß dieses Wesen nicht existiert. Durch Mystifizierung entsteht ein falscher (hier gefährlicher) „Begriff“.
 

Phlogiston (vor-naturwissenschaftliche Vergangenheit)

Bevor man wußte, was Feuer ist, gab es die Annahme, Feuer würde aus einem Feuerstoff – eben dem Phlogiston bestehen. Hier ist es umgekehrt: Durch Unverständnis entsteht ein mystischer (falscher) „Begriff“.
 

Energie der Kristalle und „Energie“ (Phantastik)

In der unwissenschaftlichen Phantastik hält sich hartnäckig die Vorstellung, daß „Kristalle“ „Energie“ enthalten würden. Von der „Kraft“ oder der „Energie der Kristalle“ ist die Rede. In vielen Pseudo-Science-Fiction wird die Vorstellung von geheimnisvollen Kräften in Kristallen ebenso ausgebeutet. Vom chemischen und physikalischen Standpunkt aus ist das unsinnig. Es handelt sich um eine esotherische Vorstellung. Im Computerspiel »Starcraft «wird aus der Vereinigung zweier Kristalle mystische Energie gewonnen, die dann die Feinde hinwegfegt. Auch Energie selbst wird von Phantasy-Autoren und Filme- und Computerspielmachern ohne wissenschaftliches Weltbild mystifiziert und teilweise mit „Manna“ (was auch Blödsinn ist, gleichgesetzt.
 

Teleportation“ (Phantastik)

In dem Film »Die Fliege« (1986) verwandelt sich (ein natürlich exzentrischer Wissenschaftler) durch „Teleportation“ mit einer Fliege in eine Fliege, da sein Genom mit ihrem vermischt wurde. Wieso das Genom der Fliege durch „Teleportation“ in jede seiner Zellen kommt, wird nicht erklärt. Und wieso das Genom eines Protostomiers den Kopf eines Deuterostomiers als „Kopf“ interpretieren sollte, schon gar nicht. Wenn unter dem Label der Technologiekritik Unkenntnis präsentiert wird, handelt es sich um pure Technologiefeindlichkeit. Die Technologiekritik, die ja zum Kern des echten Science Fiction gehört, erfordert Verständnis. Sie wurde hier jedoch offenbar selbst mystifiziert.
 

– noch schlimmer – „Telekinese“

In unzähligen sogenannten US-Scifi-Produktionen, deren Genre eigentlich Raumschiff-Phantasy heißen müßte, kommt kommentarlos „Telepathie“ und „Telkinese“ vor. Mit „Science“ hat das nichts mehr zu tun.
 

Radioaktivität (Kapitalistischer Film)

Wer nicht weiß, was Radioaktivität genau ist, mystifiziert sie schnell, da er nur nach dem urteilt, was er häufiger Weise unverstanden darüber hört. In dem Terence-Hill-Film »Der Supercop« verwandelt sich ein Polizist durch eine „rote“ nukleare Explosion in jemanden mit Superkräften. (Das Motiv ist häufiger (Hulk, Spiderman)). Das gilt auch für den hierin vorkommenden

 

Röntgenblick“ (Kapitalistischer Film)

Wer nicht weiß, daß man zum Röntgen Röntgenstrahlen braucht, bzw. für jede Material- oder Strukturuntersuchung eine Strahlung – und zur Strahlung passende Detektoren, der versteht nicht, daß es einen „Röntgenblick“ nicht geben kann.
 

Personifizierung (Religion und Gesellschaft)

Eine Personifizierung ist eine häufige Form der Mystifizierung. Nicht nur werden -Ismen von Personen gebildet, die niemals eine Theorie aufgestellt haben, es werden auch postulierte Ursachen für Unerklärliches personifiziert. Das liegt daran, daß dr Homo Sapiens in seinem Gehirn ein Organ eingebaut hat, daß ihm hilft, in sozialen Interaktionen Absichten zu erkennen. Wenn aber das „Logikmodul“ zu schwach ist, werden gern auch Ursachen, die außerhalb von Personen liegen, zur Person „gedacht“. Das ist dann Religion und so kommt es beispielsweise zur Gottesvorstellung.
 

Gott (Christliches Establishment)

Im Grundgesetz (GG) steht: „Im Bewußsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …“ Der Term „Gott“ ist juristisch nicht ausreichend definiert, so daß Mystifizierung hier zur Unklarheit führt, wie denn der entsprechende Artikel auszulegen und gesetzlich umzusetzen ist. Da weder „Gott“, noch die „Verantwortung vor Gott“ und schon gar nicht das Bewußtsein davon rechtlich geregelt sind, ist klar, daß es sich hier um reine Demagogie handelt.

Ähnlich ist es mit der
 

Würde des Menschen (Kapitalistische Demagogie)
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„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ heißt es demagogisch im Grundgesetz. Dabei erweist sich die Würde des Menschen in der Praxis als sehr antastbar. Statt also zu schreiben: „Die Würde des Menschen wird geschützt, ihr Schutz ist der höchste Zweck der Verfassung, Gesetzgebung und Rechtsprechung haben sich an ihrem Fortbestand und den Menschenrechten zu orientieren.“ behauptet man demagogisch eine mystische Unangreifbarkeit der Menschenwürde, die im Kapitalismus jeden Tag auf millionenfache Weise verletzt wird. Die Akzeptanz der unsachlichen Phrase geht auf eine Mystifizierung der Würde zurück, die der Menschenwürde selbst – an dieser Stelle – einen Bärendienst erweist. Als demagogisches Mysterium kann die Menschenwürde mißachtet und vergessen werden, als würde sie sich selbst schützen.
 

Stolz (Konservatismus, Rechtsextremismus)

Man könnte Stolz als Bereitschaft, sich nichts gefallen zu lassen interpretiere. Allerdings wird „Stolz“ als Wort insbesondere von Aggressoren verwandt. Die eigentliche – rechte – Bedeutung von Stolz ist „Gewaltbereitschaft“. Diese rechte Bedeutung wird durch Mystifizierung verschleiert. Die linke Bedeutung ist sich zu wehren und Verantwortungslosigkeit zu bekämpfen.
 

„Ehre“ (Rechtsextremismus)

Der Term „Ehre“ soll Opferbereitschaft euphemisieren. Er wird dazu mit Status, zum Wort stehen, Gesetzestreue und anderem positiv klingendem vermischt. Das Wort meint auch Auszeichnung, Merite. „Ehre“ ist besonders im rechtsextremen Bereich in Gebrauch.
 

Markt (kapitalistische Ökonomie)

Der „Markt“ reguliert alles, heißt es demagogisch. Dabei wurde vor 150 Jahren gezeigt, daß der kapitalistische Markt intrinsisch instabil ist. Heute würde man von struktureller Instabilität sprechen. Der Markt generiert einen Preis, Der Markt wird personifiziert. In Wirklichkeit wird der Markt auf vielfältige Weise manipuliert. Die Preisbildung durch Angebot und Nachfrage kann nur funktionieren, wenn einem Nachfrager das gesamte Angebot bekannt ist, was selten der Fall ist. In Wirklichkeit orientieren sich die Anbieter an Messungen, an der Konkurrenz, an taktischen und strategischen Erwägungen und an Marktabsprachen. In vielen Fällen kommt es auch ohne Absprache zu Preisangleichungen, um dem anstrengenden Konkurrenzkampf auszuweichen.
 

Welle-Teilchen-Dualismus (Physik)

Modernformliert:WennMaterieungestörtist,hatsieWellencharakter,gibteshingegenEnergie-oderImpulsaustausch,hatsieTeilchencharakter.AusgehendvonderklassischenInterpretationhabensichselbstdieSchöpferderKopenhagenerDeutungoffenbarnichtganzvonderklassischenInterpretationlösenkönnen.Wederdieviele-Welten-Interpretation,nochdiemodernsteDeutungderQM–dieDekohärenztheoriehatesbishergeschaftdaranetwaszuändern,dabeiisteseinfachzuformulieren:Teilchengibtesnicht–MateriehatWellencharakter. Innichtausgemessenen(unbeobachteten)RegionengibtesWellenausbreitungundInterferenzentsprechenddenausdenAnfangsbedingungenherleitbarenMöglichkeiten.BeobachtungstörtdieInterferenz.Hierdurch kommteszumKollapsderWellenfunktion
 

Beobachten (Quantenphysik)

Das liegt an der Mystifizierung des Wortes Beobachten für Messen. Beobachten ist subjektiv. Die Mystifizierung kommt so zustande, daß der „Beobachter“ mißt, und die Messung beobachtet. Der philosophisch gesinnte Physiker will hieraus weitreichende Schlüsse ziehen. In physikalischem Sinne jedoch ist „Beobachten“ auch Messen.

 

Internationaler Terrorismus (Kapitalistische Demagogie)

Wie in »Was ist Terrorismus?« dargestellt, gibt es keinen internationalen Terrorismus, sondern eine Menge von unterschiedlichen Terrorismen mit unterschiedlichen Zielen.
 

Gut“ und „Böse“ (Herrschaftliche Demagogie)

Insbesondere in den christlich-anglikanischen Gegenden des Planeten, aber auch anderswo werden „Gut“ und „Böse“ mystifiziert. Diese Eigenschaften erscheinen dann wie von einer höheren Macht geschaffen und ihre Träger als a-priori oder als angeboren gut oder böse.

Die marxistische Sicht ist eine andere. Der Marxismus begründet die wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse. Im Marxismus ist der Mensch ein Produkt seiner Umgebung. Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Das Bewußtsein kann sich ändern und ist beeinflußbar. Erziehung und auch Besserung sind daher möglich (und normal). Diese andere Sichtweise hat eine fundamentale Bedeutung für die Strafverfolgung, da der asoziale Gedanke „Böses“ ausmerzen zu müssen durch eine sachlich-wissenschaftliche Betrachtung absurd erscheint und als Idee verschwindet. Die Mystifizierung von „Gut“ und „Böse“ führt zum Verbot des Schwangerschaftsabbruchs, zur Verweigerung von Grundrechten Strafgefangener und Delinquenten und zur Todesstrafe. Andersherum führt das Fehlen des a-priori-Guten zum Ende von Auserwähltheit, Überheblichkeit, Feinddenken und Privilegien.
 

Achse des Bösen [G. W. Bush]

Demagogische Einordnung von Ländern, die auf der Abschußliste stehen – vorsätzliche Mystifizierung. Ohne erkennbaren Zusammenhang wurden Irak, Iran und Nordkorea in eine „Achse des Bösen“ eingeordnet, die zwar nicht zusammenarbeiten, deren gemeinsames Merkmal es aber ist, auf der Kriegsliste der us-amerikanischen Neokons zu stehen. Iran und Nordkorea unterhalten nicht einmal diplomatische Beziehungen.
Busch behauptet:
Aber wir kennen ihr wahres Gesicht. Nordkorea ist ein Regime, das sich mit Raketen und Massenvernichtungswaffen ausrüstet und gleichzeitig seine Bürger verhungern lässt.
Der
Iran strebt aggressiv den Besitz dieser Waffen an und exportiert den Terror, während einige wenige Ungewählte die Hoffnung des iranischen Volks auf Freiheit unterdrücken.
Der
Irak stellt weiterhin seine Feindseligkeit gegenüber Amerika zur Schau und unterstützt den Terror. Das irakische Regime plant insgeheim seit über zehn Jahren die Herstellung von Milzbranderregern, Nervengas und von Nuklearwaffen.“
Tatsächlich wird von Bush „das Böse“ mystifiziert: „Sie hatten so Unrecht wie sie böse sind.“.
Als Begründung für seine Behauptung von der „Achse des Bösen“ äußerte Bush am Ende:
Wir haben uns für Freiheit und die Würde jedes einzelnen Lebens entschieden.“ – was natürlich Blödsinn ist, da alle diese Länder im Unterschied zu den USA keineswegs einen Krieg nach dem anderen vom Zaun brechen, sondern selbst allesamt von den USA seit langer Zeit mit Krieg, Embargos, Hunger, Krankheit und Tod bedroht werden.
Und tatsächlich werden in den USA selbst keinerlei Menschenrechte respektiert. Die Würde des US-Amerikaners hängt von seiner finanziellen Liquidität ab.

 

Wir sehen, daß Mysterien auch demagogischer Natur sein können. Sollen Lügen von vielen Leuten geglaubt werden, sind demagogische Mysterien notwendig. ( → hierzu »Was ist Demagogie?«)
[Evariste]

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