Warum der Humanismus nicht tot ist

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Wie zum Beispiel in Sloterdijks Schloß-Elmau-Rede und anderswo wurde oft behauptet, der Humanismus wäre tot. Hier wird gezeigt, daß der Humanismus nicht tot sein kann, und daß es sich bei dieser Behauptung um einen unfrommen Wunsch handelt. Gleichwohl werden Gefahren aufgezeigt, die aus der alten Richtung, aber in einem neuen Gewande daherkommen.

 

Der Humanismus

Humanismus bedeutet, daß sich Humanität aus humanem Selbstbegreifen herleitet.
Der Humanismus wurde begründet durch die Aufklärung, welche entstanden durch die allgemeine Schulbildung und die darauf einsetzende breitere Rezeption fortschrittlicher Gedanken Eingang ins europäische Kulturgut fand.
Diese Aufklärung erbrachte in verschiedener Hinsicht ein neues Menschenbild und zwang die Herrschenden schrittweise zur Preisgabe unbegründbarer Privilegien.
Der Gedanke der Gleichheit entstand. es sollte keine Gleichheit im Elend oder in der Barbarei, sondern eine Gleichheit vor dem Recht, eine Befreiung von Unterdrückung sein und gleiche Möglichkeiten der Entfaltung und Entwicklung eröffnen – notwendigerweise also in die Freiheit des gleichen Zuganges zu Ressourcen und gesellschaftlichen Reichtum und also in die Verteilungsgerechtigkeit münden. Dieser Verteilungsgerechtigkeit stehen ideologische und kulturelle Konstruktionen der Herrschenden im Wege. Gegen diese entstand notwendiger Weise Widerstand.

 

Der Humanismus und seine Gegner

Daher sind die heutigen Träger des humanistischen Gedankens hauptsächlich Sozialisten und Kommunisten – und eben dies ist der Grund, aus welchem der Humanismus heute bekämpft wird.

Wir halten also fest, daß heute ein Herrschaftsinteresse besteht, von eben diesem Gedanken der Gleichheit abzulenken, ihn zu diskreditieren, die klassischen Vorläufer des Humanismus umzudeuten, den Humanismus nicht als Aufklärung, sondern als historische oder träumerische Strömung abzutun. Der Humanismus wird derzeit ideologisch bekämpft.
Tatsache ist, daß trotz aller Versuche der ideologischen Diversion, die herrschenden Kapitalisten nicht in der Lage sind, den gesellschaftlichen Fortschritt zu steuern. Der gesellschaftliche Fortschritt ist eine Folge der Produktivkraftentwicklung, welche von den Kapitalisten bei Strafe des Untergangs nicht unterbunden werden kann.
Die enorm beschleunigte Produktivkraftentwicklung unserer Zeit fußt auf der allgemeinen Schulbildung, welche der Soldatenkönig – nicht wissend, was er tat – einführte, um klügere Soldaten zu haben. Diese Bildung kam dem gesellschaftlichen Leben zugute und entwickelte ein Eigenleben. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Monarchie Geschichte sein würde. Seitdem hat der Kapitalismus mehrere Stadien durchlaufen.
Jede Epoche hat ihre eigene Aufklärung. Das Vorrecht des Adels Waffen zu führen, war vor hundert Jahren nicht mehr konsensfähig. Der Adel war in der Herrschaft vom Bürgertum abgelöst worden. Geldadel beherrscht seitdem die kapitalistische Welt. Nun differenziert sich auch das Bürgertum durch Akkumulation, da wer mehr Kapital hat, i. d. R. schneller akkumulieren kann. Die Durchsetzung des bürgerlichen Rechts durch bewaffnete Polizei und neue Unterdrückungsmethoden sind die Folge der bürgerlichen Revolution.
Die Aufklärung dieser Epoche hat – notwendiger Weise die sich aus der Akkumulation des Kapitals, – die ja nicht nur eine Akkumulation gesellschaftlichen Reichtums, sondern auch eine der Macht und des Einflusses ist, – ergebende gesellschaftliche Diskrepanz zwischen arm und reich, ihre Ursachen, ihre Legitimität, die Folgen für die Gesellschaft und den Einzelnen, sowie die Abschaffung dieser Zustände zum Thema.
Der heutige Gegner des Humanismus ist daher das Kapital.

 

Marxismus

Was unterscheidet den Menschen vom Tier?

Nach marxistischer Auffassung ist die planvolle Arbeit das Merkmal des Menschen. Aber was bewirkt diese Arbeitsfähigkeit? Früher lernte man etwas über den aufrechten Gang und die Entwicklung der Hand. Wie wir heute wissen, sind die wesentlichsten Unterschiede zwischen Mensch und Tier im Sozial- und Kommunikationsverhalten, sowie natürlich den physiologischen Voraussetzungen zu finden. Zu letzteren gehört die Fähigkeit Sprache zu entwickeln, sich in andere einzufühlen, sich um sie zu kümmern und nicht zuletzt auch zu Denken. Als Linke stimmen wir sofort zu, daß Kommunikation, Einfühlen, Verantwortung und Denken zutiefst menschlich sind.
 

Kooperation und Produktivkraftentwicklung

Daher beruht alle produktive Tätigkeit des Menschen auf der Weitergabe und Weiterentwicklung von Kenntnissen, auf Arbeitsteilung und folglich auf der sie ermöglichenden konstruktiven Zusammenarbeit. Konstruktive Zusammenarbeit ist diejenige menschliche Komponente, die den Homo Sapiens derart aus dem Tierreich herausgehoben hat, daß er den Planeten beherrscht (und sogar über seinen Untergang nachdenken kann). Aller Fortschritt, der von Menschen erreicht wurde, beruht eben auf konstruktiver Zusammenarbeit.

Der Humanismus ist deshalb nicht tot, weil er die Voraussetzung für fortgeschrittene Produktivkraftentwicklung ist.

Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen: Natürlich ist der Humanismus die Folge der Produktivkraftentwicklung. Allerdings gehört er heute in vielen Unternehmen und zwar überall dort wo schwierige oder kreative Arbeit geleistet werden muß, notwendiger Weise dazu.
Wenn Linke also die konstruktiven Seiten menschlichen Zusammenlebens betonen, dann betonen Rechte, die destruktiven Seiten (Egoismus, Leben auf Kosten anderer, Gewalt und Zerstörung).
Wir behaupten:

Links sein ist menschlich – rechts sein ist tierisch.

Die extremsten Rechten – die Nazis – wollen Tiere sein.

 

Alte und neue Gefahren

Einen starken Schlag gegen den Humanismus führte der sich “Nationalsozialismus” nennende deutsche Faschismus. Nicht nur, durch die Verfolgung aller humanistischen und linken Organisationen, ihre Zerschlagung und den Versuch ihrer Ausrottung, sondern auch ideologsich, durch Rassentheorien, die heute widerlegt sind. Der Sieg über den Faschismus führte nach dem Krieg zu einer Stärkung des Humanismus und zur Ächtung einer Reihe von manipulativen, unterdrückerischen politischen Praktiken, von völkerrechtswidrigem und menschenrechtsverletzendem Verhalten und von bestimmten Wafffenarten. Der barbarische zweite Weltkrieg hatte einen tiefen Eindruck im Bewußtsein der Weltbevölkerung hinterlassen, weshalb man glaubte, den Kampf gegen die Barbarei ein für allemal gewonnen zu haben. Schließlich sind die lächerlichen ideologischen Grundlagen des sogenannten „Nationalsozialismus“ längst widerlegt.
Beinahe genüßlich können Antifaschisten heute auf die unwissenschaftlichen Schädelvermessungen und die unhaltbaren Rasse-“theorien” verweisen. Aufgrund ihrer Unwissenschaftlichkeit sind wir in der Lage, verwissenschaftlichte Schutzbehauptungen für faschistische Handlungen zu widerlegen. – Und gerade die NS-Zeit gibt heute Beispiele dafür, wie im Faschismus Wunschdenken durch korrupte Wissenschaftler mit dem Adel der Wissenschaft dekoriert wurde.
Wir sollten uns jedoch nicht in trügerischer Sicherheit wiegen.

 

Sozialdarwinismus und Utilitarismus

Folgender Gedanke wird zur Auflockerung eingeflochten: Was wäre gewesen, wenn die Menschen tatsächlich ungleich gewesen wären? Die Linken des 20. Jahrhunderts hätten auf einer unhaltbaren Posten gestanden. Ihr Wertesystem wäre in dieser Situation schwer zu verteidigen gewesen. Daher stellt sich die Frage, ob man auch in Zukunft auf wissenschaftliche Begründungen für ethische Prämissen zurückgreifen sollte.
Und tatsächlich zielen neuere Formen faschistoiden Gedankengutes (selbstredend der Ausbeutung der Armen durch die herrschenden Klassen nicht achtend) auf die sogenannte “Nützlichkeit” ab. Indirekt konnte man dies bereits während der Kohl-Legislaturperiode beobachten. Der erste, der es explizit ausgesprochen hat, war allerdings der (spezialdemokratische) Bundeskanzler Gerhard Schröder. Er hat diese neue politische Kategorie mehrfach und systematisch, sowie zur Volksverhetzung zum Zwecke der Gesetzgebung auf Arbeitslose und Ausländer angewandt.
Tatsächlich scheint das große Unternehmertum zu erwägen, ob Utilitarismus eine Ideologie der Zukunft wäre.
(Daher sitzen Arbeitslose und Ausländer politisch heute im selben Boot! Sie sollten sich solidarisieren!) In der nachfolgenden Merkel-Legislaturperiode wird bereits offen und ohne Scham von nützlichen Ausländern gesprochen. Vielen Arbeitslosen ist nicht klar, daß diese Nützlichkeitsdebatte eine für sie selbst äußerst gefährliche ist.
Bekämpft man den Utilitarismus erfolgreich, kann sich der Sozialdarwinismus nur noch auf den Sozialchauvinismus stützen, eine schmale, weil schwer begründbare, Basis.

 

Der machbare Mensch

Jedoch erwarten uns weitere moderne Gefahren.
Der Kapitalismus propagiert Konkurrenz zwischen Unternehmen, der Neoliberalismus gar die Konkurrenz zwischen den Individuen. Bedeutet der “normale” Kapitalismus Firmenpleiten und Untergang von betriebsgeprägten Regionen, so bedeutet Neoliberalismus das planmäßige Aussortieren einzelner Individuen aus dem Erwerbsleben. der Neoliberalismus steht dem Faschismus daher näher, als der “gewöhnliche” Kapitalismus. So bleiben wir auch heute zwangsläufig nicht von sozialdarwinistischen Betrachtungsweisen verschont. Herrschende Trends zu Ende gedacht, können wir die Entwicklung einer Aparteid der Schönheit oder der Intelligenz vorausahnen. In den USA (dem verfressensten Land überhaupt) gibt es gar Körperkult. Wer dumm oder häßlich ist, wird heute schon (oder etwa noch?) diskriminiert.
Wie wird es erst sein, wenn man in der Lage ist, den Wert einzelner Gene festzulegen oder gar mit diesen zu Handeln, “Enhancement”-Technologien für den Menschen zu entwickeln. Gegen diese „Verbesserungen“, welche das verbesserte Individuum über die Masse erheben soll, müssen Humanisten sich wappnen.
Die dekadente (chirurgische, ..) Schönheitsindustrie in den entwickelten kapitalistischen Ländern zeigt, daß es keine individuellen Hemmungen gibt, Hand an sich zu legen um sich aus der Masse herauszuheben. Der Film »Brazil«, der dieses Thema vorausschauend als Sciencefiction im Film vorwegnahm, ist heute bereits überholt. Chirurgische Eingriffe schenken sich die Reichen, wie andere Lippenstifte zum Geburtstag. Es gibt daher auch einen Markt für genetische Verbesserungen.
Die Verwertungslogik des Kapitals im Kapitalismus bewirkt, daß die Entwertung des Menschen durch die Gentechnologie allein von der Machbarkeit ausgeht.
Aber der “machbare Mensch” (soweit die Wissenschaft ihn heute schon zu schaffen vermag), wird nicht mehr als Mensch, sondern als Produkt wahrgenommen. Die verbrauchende Embryonenforschung, welche in GB (UK) legal ist, ist nur eine Folge eines Vorläufers, einer inhumanen Bewußtseinsänderung. Wenn Menschen „machbar“ werden, wird das Menschenbild sich stark verändern – werden Menschen als mehr oder weniger gelungen wahrgenommen. Und wie reklamiert man einen Produktfehler?

Wenn die Menschen nicht verstehen, daß nicht alles getan werden darf, was machbar ist, werden sie zugrunde gehen, weil sie das (biologische) Menschsein selbst – vor allem aber ihr menschliches Selbstverständnis und ihre Menschlichkeit abgeschafft haben.

Genetische Verbesserungen müssen also rechtzeitig verboten werden. Sie führen in den Faschismus, weil die ansonsten künstlich begründete Ungleichheit hier zusätzlich genetisch begründet werden kann. Eine genetische Apartheid droht.
Wenn nur einzelne sich aus der Masse (biologisch oder genetisch) herausheben wollen, zerstören sie das Gemeinwesen. Auf diese Weise verschwinden zwangsläufig Loyalität und Kreativität. Faschistische Syteme sind instabil. Ein zusammenbrechendes (weil unsolidarisches) Gemeinwesen kann nur noch mit Zwang “reguliert” werden. Der unmenschliche Zwang steigert sich zum ständigen Terror. Dieser erzeugt Widerstand.
Politisch ist das in »Brazil« bereits gezeigt: Die Überwachung und Unterdrückung aller führt zu Widerstand und Terrorismus. Seine Niederschlagung verunmöglicht jegliche Entwicklung. Es kommt zum Kollaps. Es gibt dann entweder eine Revolution oder alle gehen unter.
Der Ursprung dieses Elends war der Gedanke der Selbstverbesserung.

Wer besser sein will, als andere – will herrschen.

Wenn der Faschismus sich die Wissenschaft dienstbar macht, wird er auf „Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit“ der Menschen abheben um Unterschiede herauszustellen. Langfristig droht eine genetische Apartheid, wenn sie nicht explizit verboten und geächtet wird.
 

Faschismus in der Kultur

Die Gefahr wird auch dadurch unterstrichen, daß der Rassismus – obgleich zurückgedrängt – im Kapitalismus erhalten bleibt. Einerseits spielt der Rassismus bei der Abschottung der wohlhabenden Staaten und im Krieg eine bedeutende Rolle, Andererseits prägt sie auf subtile Weise viele Medien, wie Film und Computerspiel. Im Film gibt es Genre, in denen versehrte oder fremde Menschen, die mitunter als gespenstische Gefahr dargestellt werden (z. B. In Zombifilmen). Der Gedanke ist jedoch älter und betrifft die meisten Horrorfilme, in denen das oder die Monster anhand von Äußerlichkeiten identifiziert werden. Einer der Vorläufer dieser Menschenverachtung im Film ist ausgerechnet der sogenannte Science-Fiction-Film »Buck Rogers«. In ihm kommen durch den dritten Weltkrieg entstandene gefährliche Mutanten vor, verfolgen den Helden des Films (aus Elend – gleichbedeutend mit – aus Bosheit?) und werden von weißen Unversehrten mittels Laserstrahlen zusammengeschossen. Die Konstruktion des Plots ist so beschaffen, daß die Tötung der Mutanten als Erlösung – ja als Reinigung erscheint. Einige offen faschistische Filme rangieren in der Beliebtheit ganz oben wie z. B. die Filme |Blade«, »Der Wüstenplanet« (alte Verfilmung) und »300«. (Siehe hierzu auch »Faschistoide Tendenzen in der US-Kultur …«)
Doch Gewalt gibt es nicht nur im Film, sondern auch im Computerspiel.
Längst hat sich die aus einer falschen Übersetzung aus dem amerikanischen stammende Bezeichnung „Rasse“ in die Computerspielwelt eingeschlichen. Wenn wir Humanisten (Linke) heute argumentieren, daß es keine Rassen gibt, so wird das Wort unreflektiert millionenfach in Deutschland benutzt. Doch auch echte Rassen werden betrachtet. Dank interstellarer Isolation könnten sich in sehr ferner Zukunft sehr theoretisch tatsächlich Menschenrassen entwickeln. Und so gibt es Computerspiele, (Eve-Online), in denen verschiedene Menschenrassen gegeneinander kämpfen! Eine Strafanzeige wegen Rassismus wurde von der Staatsanwaltschaft Stralsund eingestellt.

 

Fazit

Der Wind ist für Humanisten wieder rauer geworden, tot ist der Humanismus deswegen jedoch noch nicht. Einige wissenschaftliche Trümpfe bleiben uns noch: Intelligenzentwicklung hängt nach neueren Erkenntnissen größtenteils von der sozialen Situation ab. Die Einstein-Gene heißen „Liebevolles Elternhaus“, „Gesellschaftliche Integration“, „dünkellose Erziehung“, „altersgerechte Bildung“ und „Wahrnehmung der Aufsichtspflicht“, allerdings auch „vorgebildetes Elternhaus“ und „gute materielle Bedingungen“. Wir Kommunisten wollen auch diese letzteren beiden Bedingungen für alle erfüllen.
Weder den Sozialchauvinisten noch den Intelligenzfetischisten, den Vertretern einer Schönheitsapartheid und schon gar nicht Rassisten oder Sozialdarwinisten wollen wir das Feld überlassen.

[Evariste]

Ein Kommentar zu “Warum der Humanismus nicht tot ist

  1. Der Artikel und Ihre Webseite gefallen mir. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg damit. Vor einem Jahr habe ich die Freidenker Galerie gegründet. Es würde mich freuen, wenn Sie auch bei mir mal reischauen.

    Schöne Grüsse aus München
    Rainer Ostendorf
    //www.freidenker-galerie.de

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