Schuld

1. – demagogische Kategorie eines Rechtssystems zur Rechtfertigung von Strafe. Die Kategorie der ~ erzeugt die demagogische Vorstellung, ein vom Rechtssystem als solcher definierter Schaden, könne durch einen weiteren an dem Verursacher (dem „Schuldigen“) des Schadens wieder gut gemacht (beglichen) werden. Dabei wird jedoch eine andere Form des Schadens entsprechend einem Katalog des Rechtssystems gewählt. Viele Rechtssysteme sprechen ganz offen von Rache bzw. Vergeltung. Demagogisch ist die ~ deswegen, weil sie die Vorstellung erzeugt, durch ihre „Begleichung“ könne Gerechtigkeit geschaffen (oder wieder hergestellt) werden.
Eine modernere Kategorie der Rechtfertigung von Strafe stellt die Vorstellung der (→ )Besserung durch Strafe dar.
2. – demagogische Vorstellung eines negativen materiellen Wertes. Der Inhaber dieses negativen Wertes (der Schuldner)„schuldet“ dem „Gläubiger“ einen materiellen Wert. Dieser wird in Geld ausgedrückt, so, daß der Gläubiger gegenüber dem Schuldner einen Anspruch auf diesen Wert hat. Die Kategorie der Schuld entstand in einer Zeit, in der die Aneignung von Mehrwert zur Entstehung abstrakten Tauschwertes geführt und gleichzeitg negative Zahlen noch nicht bekannt waren.

Der 1. Begriff der Schuld ist aus dem 2. Begriff der Schuld entstanden, da die Durchsetzung des 2. (demagogischen) Begriffes der Schuld mit Gewalt erfolgen mußte, so daß die Androhung von Strafe notwendiger Weise gerechtfertigt werden und in fortgeschritteneren Rechtssystemen nach einem Katalog erfolgen mußte, der die Höhe der Strafe regulierte (den Strafaufwand ökonomisierte). Insbesondere die Bestrafung der Nichtbegleichung materieller „Schulden“ führte zum strafrechtlichen Begriff (2.) der ~, welcher durch Abstraktion schnell auf andere Tatbestände ausgedehnt wurde.
3. – demagogische Kategorie einer jeden Religion, nach welcher eine Verfehlung (→ Sünde) einen ideellen Schaden verursacht, welcher ebenfalls eine offene Rechnung verursacht, die entweder zu Lebenszeiten materiell beglichen werden soll und so zur Bereicherung religiöser Funktionsträger und religiöser Strukturen führt, oder in der Vorstellung auf ideelle Weise nach dem Tode „beglichen“ (bezahlt) werden soll. Die Strafen, welche nach dem Tode angesetzt sind, sind in allen Religionen so unbarmherzig und abschreckend, daß Gläubige mit ihnen zu einem erwünscht konformen Verhalten bewegt werden. Die religiöse Kategorie der ~ (3.) ist daher ein wesentliches Element, das eine Religion zu einem Instrument der Unterdrückung macht.

Moderner Weise sollte die Idee der „Schuld“ durch „Dummheit“ und „Unreife“ ersetzt werden. Dies kann jedoch erst geschehen, wenn 1. die unterdrückerische Notwendigkeit der demagogischen Kategorie wegfällt und 2. die Freiheit des Einzelnen zur Voraussetzung der Freiheit aller wird, wodurch Freiheit durch Einsicht in die Notwendigkeit entsteht.

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