Arbeitslosigkeit und Scham

Wörter: 1712; Linkslevel: -1 Nichtlinke
Auf einer Diskussionsveranstaltung der Arbeitsloseninitiative Mainz/Wiesbaden im Jahre 1999 waren anwesend – auf dem Podium: je ein Vertreter von SPD, PDS, Grünen, PBC, FDP, der Vertreter der CDU war nicht gekommen – Im Publikum waren anwesend: zwei Journalisten, ein Vertreter der Stadt Mainz, zwei Veranstalter von der Initiative, zwei Genossen von der PDS und – fünf Arbeitslose!

Ohne hier auf die Art der Mobilisierung für diese Veranstaltung einzugehen, kann man feststellen, daß doppelt so viele mit der Gestaltung der Veranstaltung befaßte anwesend waren, als das Zielpublikum mengenmäßig ausmachte. Man konnte aber auch feststellen, daß die PDS von den eingeladenen am stärksten am Thema interessiert war.

Es stellt sich nun die Frage, warum die Arbeitslosen nicht zu einer öffentlichen Veranstaltung kommen, die genau sie betrifft. Ein wesentlicher Grund hierfür gerade in Westdeutschland ist

 

Die Scham

Was ist Scham?

Die Scham besteht in der Übernahme der Idee einer gesellschaftlichen Mißbilligung oder Ächtung – die eigene Person betreffend. Scham entsteht im Moment des (richtigen oder falschen) Verständnisses der Verwerflichkeit oder Verworfenheit eigener Handlungen oder Eigenschaften.
 

Unsere Position

Die Scham aufgrund eigener Eigenschaften lehnen wir ab. Wir wollen hier nicht der Schamlosigkeit das Wort reden, aber darauf aufmerksam machen, wann Scham sinnvoll ist und wann nicht. Scham des Habitus oder der Klassenzugehörigkeit wegen, sich (aus angeblicher Bescheidenheit) zu erniedrigen oder Geld als Ansehensgrund lehnen wir ab. Einer wie auch immer gearteten Scham sollte Fehlverhalten vorausgegangen sein.
 

Scham in der Politik – Scham als Waffe

Scham in der Politik kann eine Waffe sein. So hat die Methode des diffusen Antikommunismus, ausgebaut mithilfe konservativer Ideologen, eines Pressemeinungskartells und natürlich benutzt von konservativen Politikern, viele Politiker der SPD und anderer Parteien dazu gebracht, sich auch geringer linker Inhalte zu schämen und nach rechts abzudriften. Die Tatsache, daß diffus diskriminierende Argumente dabei von rechten Hardlinern, Verbrechern – ja auch Extremisten vorgetragen werden, spielt bei Politikern offenbar kaum eine Rolle. Der Grund dafür liegt in einem eklatanten Bewußtseinsmangel bei den meisten Politikern. Bei der Christlich Demokratischen Union (CDU) ist Scham ein Hindernis, Schamlosigkeit ein Qualitätsmerkmal. Wenn ein Politiker eine schlimme Affäre übersteht, qualifiziert ihn das für höheres. Der (auch politische) Erfolg eines Silvio Berlusconi beruht auf eben jener „Qualifikation“.
 

Scham als Lebenshindernis

Ob in der mündlichen Prüfung in der Schule, der Examensprüfung, oder im Berufsleben: Wenn Scham verhindert, daß man sich äußert oder Einwände macht, bringt man sich selbst um Erfahrungen und Lernerlebnisse. Scham macht dabei betroffen und inaktiviert die Betroffenen.
Eitelkeit kann das Verwenden von Arbeitsschutzmitteln verhindern usw.
 

Scham und Schuld

Richtige und falsche Beschuldigungen können Scham auslösen. Da Scham betroffen macht, können auch falsche Anschuldigungen eine fatale Wirkung haben. Aus diesem Grunde taugt Scham als Waffe. Es ist daher ein notwendiges Gebot der Fairneß, Beschuldigte in einem fairen Klima anzuhören. Wenn Minderheiten – insbesondere welche, die keinen (ausreichenden) Zugang zu den Medien haben – in der Politik pauschal beschuldigt werden, ist dieses Gebot der Fairneß verletzt. – Es handelt sich um Hetze.
 

Ideologische oder religiöse Scham

Ideologische oder religiöse Scham kann schlimme Folgen für das persönliche Leben oder das Zusammenleben der Menschen haben. Wir setzen hier voraus, daß mit diesem Term nicht nur die bereits oben erwähnte Scham aufgrund eigener Eigenschaften ausgeklammert ist, sondern alle Schamarten, die aus anderen Gründen entstehen. Sexuelle Scham ist ein bekanntes Lebenshindernis und ein Hindernis für die Aufklärung. Heute noch bedeutsam ist die Scham und die Angst homosexuell oder nicht männlich genug zu sein. Diese Scham führt zu kultureller Gewaltbereitschaft. Sie ist Teil von Militarismus und Rechtsextremismus, kommt jedoch auch im Fußball vor.

 

Das soziale Ressentiment – der Sozialchauvinismus

Armut zu verachten ist ein gesellschaftliches Gift, das wie in » Was ist ein Ressentiment? – Wie funktioniert ein Ressentiment? « erwähnt, auf dem Statusdenken beruht.
Der Sozialchauvinismus ist die schärfste Waffe der Unterdrücker. Sie hilft sowohl den Unterdrückern als auch ihren Lakaien die rechtsstaatlichen, bürokratischen, ökonomischen und gewalttätigen Instrumente der Herrschaft zu benutzen. Der Sozialchauvinismus führt zur emotionalen Rechtfertigung der Deklassierung.



Fazit

Wie man sieht hat Scham nicht bloß positive sondern viele negative Seiten. Scham kann Menschen davon abhalten sich für ihre Interessen – ja sogar Rechte einzusetzen.
Wir widmen uns jetzt den Arbeitslosen.

 

Die Scham der Arbeitslosen

Im Osten ist sie unter den Arbeitslosen noch nicht sehr weit verbreitet, in Orten, wo 15, 20 oder 30 % der “Erwerbsfähigen” arbeitslos sind, kennt man sie nicht: die Scham der Arbeitslosen.

Traditionell imperialistische Länder, wie Westdeutschland oder die USA haben uns in Fragen Scham “viel voraus”. Das liegt an der kulturellen Verankerung des Statusdenkens in diesen Kernländern des Imperialismus, was an der Existenz von Worten wie “Loser” und “Winner” (engl.) abgelesen werden kann. In den USA geht das Ressentiment soweit, daß man Arbeitslosigkeit bigott und dekadent1, verächtlich als “Er fährt viel mit dem Bus” umschreibt. Diese Haltung verhindert, soweit sie das Volk selbst betrifft, die Interessenvertretung eben jener Armen und letztlich natürlich die Revolution. Wer sich selbst verachtet ist nicht in der Lage seine eigenen Interessen zu artikulieren — geschweige denn – durchzusetzen.

Traditionelle Verachtung von Arbeitslosen
Wenn Linke in der Bundesrepublik demonstrierten, konnten sie sich traditionell die Pöbelei “Geht doch Arbeiten!” anhören. Hierin drückt sich nicht nur Geringschätzung, sondern auch eine Diskriminierung und ein Ressentiment aus, da die Wahrnehmung der Demonstrationsfreiheit hier mit einem verächtlichen Ressentiment quitiert wird. Wichtiger ist jedoch, daß die Pöbelnden hier die Verachtung der Arbeitslosen bei den Rezipienten bereits voraussetzen. Außerdem bedeutet links zu sein, in der Vorstellung der Konservativen faul zu sein, und nicht arbeiten zu wollen – eine Vorstellung, die in der Nazizeit Staatsdoktrin war. Für Inhumane sind die eigentlich diskriminierten Arbeitslosen „Parasiten“. Dabei sind die Ressentimentträger die ersten, die die Arbeitsbedingungen verschlechtern und und durch Zwang dafür sorgen wollen, daß die schlechten Arbeitsbedingungen auch akzeptiert werden. Es handelt sich um klassisches Klassendenken. Wer immer so etwas äußert, dokumentiert damit nur seine Haltung und daß er selbst davon träumt auf Kosten anderer zu leben. Nach Ansicht der Konservativen müssen alle arbeiten um zu leben, außer diejenigen, von denen das Geld kommt. Da Geld in der kapitalistischen Gesellschaft adelt, wird nicht gefragt, ob dieses Geld verdient ist, oder nicht. Wird Geld legal geraubt, genießt der Räuber höchstes Ansehen.
Dieses wird ihm ideologisch, aber auch strukturell entgegengebracht. Franz-Joseph-Strauß hat einmal einem Journalisten gerichtlich untersagen lassen, öffentlich die Frage zu stellen, wo denn die Strauß-Familie das viele Geld her hat.
Der entgegengesetzte Pol sind die Arbeitslosen. sie werden auch von vielen (Dummen), die noch nicht arbeitslos sind, verachtet. Dabei spielt teilweise die Angst (bzw. ihr Verdrängungsmechanismus) vor der Arbeitslosigkeit eine wesentliche Rolle.
Wir haben folgende

 

Argumente gegen die Scham

1. Die Kapitalisten sind bzw. das kapitalistische System ist in vollem Umfang schuld an der Arbeitslosigkeit, da sie Arbeitsplätze tendenziell strukturell vernichten und an einem Arbeitskräfteüberangebot, hervorgerufen durch die Marktkräfte Angebot und Nachfrage, strukturell interessiert sind. Exerziert man diese kapitalistische Logik durch, kommt dabei heraus, daß durch Arbeitskräfteüberschuß der Preis einer Arbeitskraft sinken muß und zwar beliebig weit. Gleichzeitig müßte der Markt bewirken, daß die nun billigeren Arbeitskräfte ein winziges bisschen stärker eingestellt werden, wodurch sich eine ganz schwache Pufferung ergibt. Da aber niemand wegen des etwas günstigeren Preises der Arbeitkraft seinen Betrieb umstrukturiert, vor allem aber alle in Konkurrenz um geringste Kosten stehen, kommt diese Pufferwirkung nicht zum tragen. Gehen wir weiter, muß “der Markt” nun dafür sorgen, daß die Ware Arbeitskraft in geringerem Maße angeboten wird. Da die Arbeitskraft aber nicht von Unternehmen produziert wird, ist der Kapitalist gegenüber der Arbeitslosigkeit ratlos und steht dem Problem der Arbeitslosigkeit so gleichgültig gegenüber, wie ein Nilkrokodil der Sahara. Die FDP hat immerhin die Vorstellung, daß Bildung zur Ware werden sollte. Wenn das mal so ist, müssen die Produzenten der Bildung einfach nur weniger Leute ausbilden — was zum Beispiel durch Streichung von Förderungen oder durch das Erheben von Studiengebühren geschehen kann. Die Folge davon ist, daß man nun nicht nur mehr Arbeitslose, sondern auch noch mehr schlecht ausgebildete Arbeitslose hat. Neuerdings spricht man daher – marktgerecht – von nützlichen und weniger nützlichen Menschen. Man kann sich ausrechnen, daß Kapitalisten, wenn man sie läßt, eines Tages auf die Idee kommen, die Zahl der Arbeitslosen, weil sie dem Markt nicht mehr dienen, irgendwie zu verringern. Dabei ist die Sokelarbeitslosigkeit nicht das Problem, da durch sie ja der Preis der Arbeitskraft niedrig gehalten wird, sondern nur die Kosten der Reproduktion der nicht ausgebeuteten Arbeitskraft (Sozialhilfe). Sollten die Kapitalisten eines Tages wieder unethische Lösungen bevorzugen, ist es an der Zeit für die Arbeitslosen, ihre Scham zu beenden und auf die Straße zu gehen. Wer immer sich dann den Nationalisten anschließt und auf der falschen Seite marschiert, marschiert geradewegs in den Fleischwolf. ( → »Warum hat der Faschismus Klassencharakter«)

2. Die Scham der Arbeitslosen soll von dieser Schuld ablenken und sie gleichzeitig auf die Arbeitslosen abwälzen, so daß gesetzliche Nötigung und Zwang möglich wird um den Preis der Arbeitskraft weiter zu drücken.

3. Die Scham der Arbeitslosen kommt von einem ihnen eingeimpften Schuldgefühl, das sie Repressionsmaßnahmen gegenüber gefügig machen soll. Arbeitslose sollen statt sich zu wehren, sich als Parasiten fühlen und sich darum reißen ausgebeutet zu werden.

4. Die wirklichen Parasiten — diejenigen, die sich den gesellschaftlichen Reichtum mithilfe staatlicher Gewalt aneignen – sollen so nicht ins Blickfeld geraten. Sie zeigen mit dem Finger auf die Arbeitslosen und sprechen das Wort aus, das ihrem eigen Denken entspringt: “Parasiten”.

5. Arbeitslose sind, da von den Unternehmern nicht genügend Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt werden und da sie nach rein wirtschaftlichen Kriterien aussortiert werden, im eigentlichen Sinne Diskriminierte. Sie müssen sich wehren, sonst wird aus der Diskriminierung eine gefährliche Kultur!

 

Wer ist schuld an der Arbeitslosigkeit?

Während man heute von Arbeitslosen, die sich am Amt anmelden einen Offenbarungseid fordert, fordert niemand von den Besitzern der Produktionsmittel, ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen. Der Sozialchauvinismus ist das Instrument, das dafür sorgt, daß das so bleibt. Die Ziele sind eigentlich durchsichtig. (»Was ist Sozialchauvinismus?«)

 

Für berechtigte Interessen kämpfen!

Die sich schämen, haben das sozialchauvinistische Ressentiment sich selbst gegenüber von den Reichen übernommen und verachten sich selbst.
Scham führt zur Entsolidarisierung. Emanzipation bedeutet den Sozialchauvinismus zu bekämpfen.

Wir wollen eine Gesellschaft, in der Menschen sich dafür schämen, daß sie früher einmal von Ausbeutung gelebt, Wälder vernichtet, Leute auf die Straße gesetzt, in Munitionsfirmen investiert haben oder auch nur mit einem zu schnellen Auto gefahren sind.

Arbeitslose wehrt Euch!

[Evariste]
 

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