Gibt es „Umvolkung“? – Was ist ein Volk? – Was ist falsch an völkischem Denken?

Wörter: 1195; Linkslevel: -5 Faschisten; OtL: -5,0

Auf den immer rechtsextremer geprägten AfD- und Pegida-Demonstrationen sprechen Redner mit Bezug auf die Aufnahme einiger Kriegsflüchtlinge, die insgesamt zahlenmäßig wenige Promille der Gesamtbevölkerung ausmachen, von „Umvolkung“. Einige Faschisten sprechen von „schleichender Umvolkung“. Der Begriff meint wohl, daß hier ein Volk absichtlich durch ein anderes ersetzt werden soll. Dieser Glaube ist ein Resultat sowohl eines besonders menschenverachtenden Extremismus, als auch völkischen Denkens. Aus diesem Grunde widmen wir uns hier der Frage:

 

Was ist ein Volk?

Versuchen wir es mit verschiedenen Definitionen!
 

Ethnische Konstruktion

Nehmen wir an, ein Volk wäre eine Ethnie. Eine Ethnie ist kulturell und sprachlich relativ abgeschlossen.
 

Sprachliche Konstruktion

Nehmen wir die Arbeitsdefinition, daß ein Volk durch seine Sprache und sprachliche Abgeschlossenheit definiert ist!
 

Territoriale Konstruktion

Territorial könnte man ein Volk vielleicht durch den Lebensraum, in dem es überwiegend lebt bzw. die Mehrheit hat, definieren.
 

Konstruktion nach „Rasse“

Nehmen wir als Arbeitshypothese, es gäbe so etwas, wie Rassen bei Menschen. In einem amerikanischen Film kamen kürzlich Zwerge, Elfen, Orcs und Menschen vor. Allerdings meint die englische Vokabel „Race“ gleichzeitig Rasse und Spezies.

 

Diskussion

Sprachliche Konstruktion

Dann müßten Völker unterschiedliche Sprachen sprechen. Nun gibt es jedoch den Fall, der Auftrennung Jugoslawiens – eines Dialektkontinuums in verschiedene plötzlich (durch NATO-Propaganda) verfeindete Völker. Vor dieser Auftrennung lebten diese „Ethnien“ friedlich zusammen. Nur die albanische Minderheit wurde diskriminiert. Eine sprachliche Definition der von der NATO neu definierten Völker und eine Abstraktion der Sprache von den sich heute rechtsextrem gebenden Kulturen selbst erscheint ausgeschlossen.
Wir sehen, daß Der Begriff des Volkes hier konstruiert wurde, um ein bestimmtes Ziel – die Zerschlagung Jugoslawiens und die Trennung in Einzelvölker zu erreichen. (So wurde aus dem starken Jugoslawien eine Handvoll kleiner von der NATO abhängiger Staaten.)
 

Territoriale Konstruktion

Betrachten wir Kanada, haben wir zwei Sprachen (englisch, französissch) auf einem Territorium. Tendieren wir also zur Charakterisierung des durch Einwanderung entstandenen „kanadischen Volkes“ zum Territorium, steht diese Definition im Widerspruch mit allen Viel-Völker-Ländern, wie z. B. Indien und im Widerspruch zu den eigenen indigenen Völkern. Auch die Tamilen auf Sri-Lanka wären nicht berücksichtigt. – Überhaupt sind die meisten Länder bzw. die meisten Staaten Viel-Völker-Länder bzw. Viel-Völker-Staaten. Die territoriale Konstruktion funktioniert nicht.
 

Ethnische Konstruktion

Eine Ethnie ist durch ihre Kultur definiert. Diese Kultur ist allerdings übertragbar. So zeigt es sich, daß neue Mitglieder einer dominanten Gesellschaft soweit sie integriert werden, die Kultur dieser Gesellschaft freiwillig übernehmen. Ist das Verhältnis gut, kommt es zu einer teilweisen Assimilation die in den nächsten zwei Generationen vervollständigt wird. Dominant sind energieverbrauchende Gesellschaften mit hohem Lebensstandard.

Im Falle einer Kolonialisierung einfacher Länder, durch aggressive überlegene Staaten (Kulturen) kommt es zu einer Beeinflussung von Kultur und Sprache durch die dominante Kultur. Da nicht verwandte Sprachen meistens inkompatibel sind, werden Vokabeln übernommen, können jedoch nicht in die ursprüngliche Grammatik eingeführt werden. Die überlegenen Besetzer verlangen jedoch den Gebrauch ihr eigenen Sprache. Das Resultat ist eine Kreolisierung, bei der eine völlig neue Grammatik entsteht. Diese neue Grammatik ist in zwei Generationen fertig und hat abgesehen vom Fehlen fast jeglicher Verschleifung und ökonomisierender Reduktionen alle notwendigen Eigenschaften einer Sprache. Die neue Sprache enthält ein Mischvokabular mit neuen Worten und neuer Grammatik. Die Mischung von Kulturen ist ein normaler Vorgang. Nach wenigen Jahrzehnten hat die Mischgesellschaft (abgesehen von herrschaftlichen und nicht-herrschaftlichen Unterkulturen) ihre homogene Mischkultur. Sie sind demnach eine neue Ethnie. Beispielsweise würde man heute die Bevölkerungen Haitis oder Südafrikas als Völker bezeichnen, obwohl sie durch Mischung entstanden sind.
Mischung von Ethnien ist normal.

Schiffbrüchige oder Verbannte können umgekehrt durchaus in einfachere Gesellschaften integriert werden und assimilieren sich auch hier.
Die Kultur erweist sich als austauschbar. Sie entspricht in der Regel den Produktionsmethoden der jeweiligen Gesellschaft.

 

Konstruktion nach „Rasse “

Würde man von „Rasse“ ausgehen, müßte man zunächst klären, was „Rasse“ überhaupt ist. In »Warum ist Rassismus falsch?« wird erklärt, warum es keine Rassen gibt. Der Unterschied zwischen einzelnen Menschen ist viel größer, als zwischen der zwischen durch relative Isolation getrennt lebende Menschengruppen.

Wenn man also „Rasse“ als Konstruktionskriterium heranziehen will, tut man das aus anderen Gründen und unter Zuhilfenahme sehr äußerlicher Merkmale.
Bei Menschen gibt es keine Rassen. Rassismus beruht nicht auf Erkenntnis, sondern auf einem Bedürfnis aus Menschenfeindlichkeit.
 

Konstruktion nach Blut

Einige Rechtsextreme glauben an unterschiedliches Blut – und sie meinen damit nicht Blutgruppen. So definiert rechtsextreme deutsche Gesetzgebung aus der Anfangszeit der BRD z. B. sogenannte Rußlanddeutsche. Der Faschist Recep Tayyip Erdogan glaubt an türkisches Blut und möchte nach der Armenien-Resolution des deutschen Bundestages gern das Blut der als ethnische Türken betrachteten Mitglieder des Bundestags, die der Türkei in seinen Augen untreu wurden, untersuchen.
Was ist nun dran – am Blut?
Das Blut der Menschen unterscheidet sich nur durch Blutgruppen. Diese haben mit Völkern und Ethnien nichts gemein, denn es gibt überall alle Blutgruppen. Blutgruppen gibt es bereits bei Affen.
Unterscheidung nach Blut ist also Blödsinn – Denn, wenn es keine Rassen gibt, gibt es erst recht kein völkisches Blut.

 

Fazit

Ein Volk ist eine willkürliche Konstruktion. es kann gezeigt werden, daß jede Art von Konstruktion in vielfältiger Weise irgendwo durch die politische, gesellschaftliche historische und akademische Realität durchbrochen wird.
Ein Volk ist eine zu einer Gemeinschaft erklärte Gruppe, die nicht über sprachliche, kulturelle, abstammungsmäßige oder territorial-zugehörige Homogenität verfügen muß. Einziges Kriterium ist, daß es sich selbst politisch so definiert.
Ihre Mitglieder sind tatsächlich austauschbar. Der Austausch ist immer von Vorteil.

Demzufolge gibt es keine natürlichen Völker. Man kann vom Begriff Volk bzw. von einer Volkszugehörigkeit politisch nichts ableiten.

Völkisches Denken ist blödsinnig.

 

Der Begriff der „Umvolkung“ ist völkisch. Er entstammt dem Vokabular der Nazis und meint deren Absicht auf bestimmten Territorien Völker auszutauschen. So wurde beispielsweise versucht, Schlesien zu „germanisieren“. Relativ früh fand dort eine systematische Vertreibung der polnischen und tschechischen Bevölkerung statt. Einige Hunderttausend Tschechen wurden als Arbeitskräfte vornehmlich für die Rüstungsindustrie da behalten, alle anderen vertrieben.
Der „Begriff“ ist heute weit anerkannter Maßen Blödsinn. Es ermangelt diesem (heute geächteten) Begriff an realer Substanz, seine Absicht ist geächtet. Im Jahre 2016 haben Rechtsextreme aus der AfD dieses Wort in Bezug auf hierzulande untergebrachte Flüchtlinge bzw. damit verbundene unterstellte Absichten benutzt. Flüchtlinge unterscheiden sich nicht von den Menschen, die hier leben. Sprache können sie lernen, Bildung erwerben. Die Aufnahme von Menschen wird von denjenigen abgelehnt, die auch ansonsten Menschenfeinde sind. Abgesehen davon, hat niemand vor, Bevölkerungen absichtlich auszutauschen.
Es gibt eine Durchmischung durch die Globalisisierung und es gibt Flüchtlingsströme durch Hunger, Elend und Krieg.
 

Realität

Womit wir hier statt dessen tatsächlich ein Problem haben, sind die Unterschiede zwischen oben und unten. Das heißt zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen Reich und Arm zwischen Privilegierten und Nichtprivilegierten. Rechtsextreme interessieren sich nicht für diese realen Probleme, da ihre Menschenverachtung es nicht zuläßt, sich mit den Problemen von Unterdrückten zu befassen. Weder die Genthrifizierung der Innenstädte, die Verteuerung von Mieten durch Wohnungsknappheit, noch Massenentlassungen oder Ärzteknapppheit auf dem Lande interessieren sie. Rechtsextreme und Faschisten ziehen die Beschäftigung mit nicht-realen Problemen vor. Daran mag Feigheit eine kleine Schuld haben – wesentlich jedoch ist die Menschenverachtung, die auch sie selbst trifft. Die Betäubung des Geistes ist die logische Konsequenz der Wahrheitsvermeidung.

Der Scheinbegriff „Umvolkung“ ist klassischer faschistischer Populismus. Er dient nicht nur der Täuschung von Anhängern, sondern auch der Selbsttäuschung.
[Evariste]

Ein Kommentar zu “Gibt es „Umvolkung“? – Was ist ein Volk? – Was ist falsch an völkischem Denken?

  1. Hey,

    erst einmal möchte ich mich recht herzlich für diese sehr interessante Seite bedanken. Ich hoffe hier auf sachliche Diskussionen zu den von Euch ausgearbeiteten Themen zu stoßen und freue mich da auch drauf.

    Aber nun zum Thema, aus einer soziologischen Perspektive sieht mein Volksverständnis vor allem den Sozialisationsapparat und den gemeinsamen Sinnhorizont einer Gruppe als ausschlaggebend für die Konstruktion eines Volkes. Demnach ist es sehr wohl möglich „Fremde*“ in das eigene Volk zu integrieren und zu einem Teil des Volkes werden zu lassen.

    Kommen nun aber ganz besonders viele Fremde mit einem sehr verschiedenen Sinnhorizont und Sozialisationsapparat zu uns, so bildet sich neben dem ursprünglichen „Volk(Summe des Sozialisationsapparats und des Sinnhorizonts)“ ein weiteres „Volk“. Durch die logistischen Schwierigkeiten der Unterbringung, und der daraus resultierenden Zentralisierung der hinzugekommenen, greift der Sozialisationsapparat der dominaten Kultur wesentlich schwächer. Außerdem sind große Teile der hinzugekommenen vom erreichen der Ziele der dominanten Kultur ausgeschlossen, da ihnen Qualifikationen auf dem hochentwickelten Arbeitsmarkt im europäischem Raubtierkapitalismus fehlen. Das resultat aus dem ganzen ist eine segregierte Subkulturbildung. Das ganze wurde sehr ausführlich von Kriminologen um Thrasher in den USA untersucht.

    Besonders brisant wird das ganze, wenn die Zahl der Fremden so groß ist, dass sie in gewissen Altersstufen sehr hohe Prozente der Gesamtbevölkerung ausmachen, so wie es derzeit der Fall ist.

    Neben unserem Volk wird es also auf kurz oder lang ein zweites Subvolk geben, dass sich (aufgrund seiner Sozialisation) mit der Fortpflanzung weniger schwer tut als unsere dominante Gesellschaft. Irgendwann ist wird genau dieses Subvolk das derzeit dominante Volk ablösen. Eine Umvolkung sozusagen.

    Nun kann man durchaus sagen, dass das ganze natürlich sei, in jedem Fall verschwinden damit jedoch die kulturelle Basis, auf der wir derzeit stehen. Solidarität, Humanismus etc. sind in unserer Kultur, nach Jahrhunderten des Krieges, aber auch der Aufklärung usw. präsent. Das ist in anderen Völkern nicht der Fall und dort steht noch ein Lernprozess aus. Wenn die Umvolkung nun also natürlich sei, so würde sie die Menschheit dennoch zurück werfen.

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