Was ist politisches Erwachsensein?

Wörter: 1475; Linkslevel: ±0 Indifferente

Was ist Erwachsen-Sein?

Das Erwachsensein hat drei Eigenschaften.

  1. Fähigkeiten und Fertigkeiten, die souveränes Handeln und Denken erlauben,
  2. den Wert als Konzept, welcher nur durch die Erfahrung von Arbeit entsteht,
  3. Verantwortung (für Menschen), welche nicht aufgezwungen ist, sondern durch Verständnis und Einsicht in die Notwendigkeit einfach wahrgenommen wird.

 

Erläuterung

1. Fähigkeiten und Fertigkeiten

Müssen erst durch Lernen, Übung und Training erlangt werden. Sie erst erlauben sinnvolles Handeln, souverän zu denken und Souverän zu handeln.
 

2. Der Wert

Nach Marx ist der Wert geronnene Arbeit. Diese theoretische Erkenntnis mußte erst in der Entfremdung und so auch durch Wert-Entfremdung geprägten kapitalistischen Welt extrahiert werden. Der kapitalistisch vergiftete Mensch kennt den Gebrauchswert und den Tauschwert, da er durch Ausbeutung von seiner eigenen Arbeit entfremdet ist.

Jedoch kann man den Wert ganz ohne Theorie durch eigene Tätigkeit – nämlich durch konkret menschliche Arbeit erfahren. Man kann z. B. trivialer Weise einen Gegenstand herstellen, dessen Qualität mit der Erfahrung wächst. Hat man gewisse Grundfertigkeiten, hängt die Qualität des entstehenden Gegenstandes von der Mühe, der Arbeitszeit, der Erfahrung und dem Antrieb etwas Sinnvolles herzustellen ab. Wir nennen den schöpferischen Prozeß – konkret menschliche Arbeit. Sie ist die Quelle allen Wertes. Diesen Wert kennen alle, die je ein wenig (schöpferisch) gearbeitet haben. Gerade im Handwerk kann man diesen wert einfach demonstrieren.

Betrachten wir Menschen, die diesen Wert (noch) nicht kennen! Diese Menschen haben kein Problem damit Ressourcen zu verschwenden, Gegenstände und Eigentum zu zerstören, Dinge unbrauchbar zu machen.
Es gibt im Kapitalismus Phänomene der Zerstörung von Gütern, die darauf beruhen.
Eines davon ist z. B. Grafitti, das man in Städten auf beliebigen Flächen findet. Inder Mehrzahl der Fälle handelt es sich dabei um künstlerisch unbedeutende möglichst gleichförmige Werke, die der Markierung von Territorien dienen. Ein weiteres Phänomen ist der Vandalismus, der im Gefolge von einschlägigen Massenveranstaltungen (wie Fußball) in Verbindung mit Alkoholkonsum und aus der Menge heraus auftritt. Der Vandalismus kann sich in der Zerstörung von Einrichtungen der öffentlichen Infrastruktur (Parkbänke, Telefonzellen, …) oder nur dem Herumwerfen von Stühlen oder Tischen öffentlicher Kaffees äußern. Den Betroffenen wirkt er als Befreiung von Zwängen.
Wer sind diese Vandalen?
Diese Vandalen sind Leute, die entweder noch nicht (sinnvoll, schöpferisch) gearbeitet haben, oder von ihrer eigenen Arbeit (Maloche) so entfremdet sind, daß sie sie nur als Gelderwerb zu betrachten, gelernt haben. Sie haben nie ihr Herzblut in eine Sache gesteckt, nie freiwillig Mühe aufgewandt. Diese Phänomen ist eines, das in Ausbeutergesellschaften auftritt. Auch im Sozialismus haben Schüler (die noch nicht durch Erfahrung den Wert kennengelernt haben) die Kunststoffumrandung der Schulbänke mit dem Lineal zersägt, Löcher durch den Lack gebohrt und Tinte ausgemalt. Da alle eine Lehrstelle und dann Arbeit bekamen, trat das Phänomen dann nicht mehr auf.

Das Erwachsensein bezüglich des Wertes besteht nun darin, daß man den (End-)Sinn einer Sache, eines Produktes, der Arbeit versteht, das Produkt für diesen Zweck zu gestalten versteht und dann in der eigenen Arbeit die Erfahrung von Mühe und Zeit macht, welche zur Erzeugung des Produktes notwendig sind. Hat man diese Erfahrung gemacht, wird man Gegenstände nicht mehr einfach (ohne sinnvollen Grund) zerstören.
 

3. Die Verantwortung

Die Verantwortung ist etwas ganz besonderes und wir reden hier von der linken Verantwortung. Wir haben bereits für den Level Null (±0) über Verantwortung (»Was ist Verantwortung?«) geschrieben. Sie nimmt links und rechts unterschiedliche und eigentlich gegensätzliche Formen an. Links kümmert sie sich um Menschen und nur um der Menschen willen um Sachen und Rechts ist es umgekehrt.
Was ist die Verantwortung?
Die Verantwortung ist der Antrieb, sich hinter eine notwendige Sache zu klemmen und sie auch durch-zubringen.
Die linke Verantwortung benötigt dazu Verständnis und Menschenliebe, die rechte Verantwortung fürchtet die Rechenschaftslegung und die Zur-Rechenschaft-Ziehung. Beide sind ergebnisorientiert, werden jedoch zu sehr unterschiedlichen Zwecken eingesetzt.

Die eigentliche echte Verantwortung ist die linke Verantwortung. Nur sie ist wirklich konstruktiv. Die linke Verantwortung ist die, die man beim Aufziehen und Erziehen der Kinder benötigt. Sie ist ohne Liebe undenkbar, da man für sie viele Opfer bringen muß. Allerdings sind die Menschen dafür gemacht und können mit der Wahrnehmung der Verantwortung ein erfülltes Leben leben.

Die Verantwortung kann nicht wahrgenommen werden, wenn es an Fähigkeiten und Fertigkeiten (Souveränität) (1.) und am Wert (2.) und an Liebe zu den Menschen fehlt. Wenn jemand weit rechts ist und Menschen verachtet, kann er nur noch die rechtsgerichtete Verantwortung wahrnehmen und diese ist erzwungen und bleibt außerdem destruktiv.

 

 

Was ist politisches Erwachsensein?

In der Politik geht es nicht nur um Kinder-Ernährung und -Erziehung, sondern um alle Menschen und ihre Rechte.
Das politische Erwachsensein betrifft nun die politische Sphäre – das politische Denken, Verstehen und Handeln.
Das politische Erwachsensein soll nun zunächst deduktiv abgeleitet werden. (Allerdings handelt es sich eigentlich nicht um einen unter den anderen subsummierbaren Begriff.)
In der Politik gibt es Konstruktivität und Destruktivität. Die meisten Menschen sind über den Charakter politischer Richtungen verwirrt, weil diese miteinander ringen und kämpfen. Es ist daher notwendig zu verstehen, daß Verwirrung absichtlich erzeugt, Lügen verbreitet und Demagogie gesät wird. Um die (eigene) Verwirrung aufzulösen, kann man nur methodisch vorgehen.
 

Fähigkeiten

Wer also politisch erwachsen sein will, muß zunächst eine Menge über Politik wissen und sie verstehen. Es genügt nicht, Propaganda aufzunehmen bzw. regelmäßig die Hauptnachrichten zu sehen. man muß verstehen, wer in der Politik was behauptet, in Wirklichkeit tut – und noch besser – denkt.
 

Der Wert

Wer immer arbeitet, um Werte zu schaffen, wird große Mühe nur aufwenden können, wenn vom Sinn der Erzeugung des Gegenstandes überzeugt ist. Die Herstellung also der Mühe wert erachtet. Ist das nicht der Fall, wird derjenige zur Arbeit gezwungen oder muß sich selbst zwingen. In diesem Falle wird sich der ständige Zwang als Spannung anstauen, um irgendwo eine befreiende Entladung zu finden. Diese wird dann nicht konstruktiv sein. Im Kapitalismus kanalisiert man das notwendig entstehende Aggressionspotential, indem man Verbrecherjagden übers Fernsehen in die Wohnzimmer überträgt. Der Malocher darf hier mit-siegen. All seinen Frust darf er über dem Verbrecher, das ihm vom Drehbuchschreiber zweckmäßig kreiert, als Opfer dargeboten wird, voll gerechter Wut abladen.

In der kapitalistischen Realität ist die Werterzeugung eine Mischung aus überzeugter und nicht-überzeugter Arbeit. Die Werterzeugung kann bei monotoner (besonders unschöpferischer) Tätigkeit Menschen demotivieren und sie kann, insbesondere, wenn positive Resultate oder schöne Gegenstände als Ergebnis erfahrbar sind, Menschen motivieren. Man kann Arbeitsplätze schaffen, die schnelle Erfolgserlebnisse zeitigen (Arbeitstherapie) und man kann das Gegenteil erreichen. Die sehr kreativen Tätigkeiten sind oft nur wenigen vorbehalten. Die Entfremdung der Tätigen von der eigenen Arbeit, wie sie durch Aneignung des Mehrwertes der Produktion stattfindet, ist ein weit vielfältigerer Prozeß, der das Verhältnis zum Arbeitsplatz, zur Struktur, zum Betrieb bzw. Unternehmen und zu den Kollegen betrifft. Die Nachricht, daß Arbeitsplätze abgebaut werden sollen, kann zu Mobbing und zu Solidarität führen. Menschen sind dann für die konstruktive Lösung, wenn sie andere Menschen nicht verachten.
Wenn man andere Menschen nicht verachtet, führen Solidarität und Konstruktivität zur Lösungssuche. Die Lösungssuche ergibt, daß schädliche Produkte, die nur für den Absatz produziert werden oder der Vernichtung von Menschen dienen, sinnlos sind, während Produkte, die den Menschen nützen, aber auch nur für den Absatz produziert werden, nur den Kapitalisten nützen und systematisch falsch verteilt werden. Wer den Wert in einem solchen Produkt finden will, muß sich auch darum kümmern, daß alle es erhalten können, die es benötigen.
(Oft wird diese Lösungssuche durch ökonomisch induzierten Opportunismus verhindert.)
Der Wert in der Politik hängt also mit Konstruktivität zusammen und diese gibt es nicht ohne Humanismus (Abwesenheit von Verachtung).

Wert hängt für Linke in der Politik also von der Menschlichkeit des Produktes ab.
 

Die Verantwortung

muß dem zufolge also eine linke Verantwortung sein. Eine rechte Verantwortung könnte darin bestehen, einen Bunker mit Nuklearwaffen zu bewachen. – Eine Linke hingegen – Nuklearwaffen abzubauen und etwas anderes daraus herzustellen. die Rechte Verantwortung arbeitet mit zwang und Furcht. die Linke Verantwortung ist konstruktiv und arbeitet mit intrinsischem Antrieb.
Die linke Verantwortung benötigt Verständnis für die Verhältnisse und ihre Ursachen.
Da Verantwortung kontinuierlich zunehmen kann, sprechen wir diesbezüglich von Reife. Reife kann das ganze Leben lang zunehmen.

 

Das politische Erwachsensein

hängt also davon ab, wie kritisch man Verhältnisse und Herrschaft betrachtet. Es hängt davon ab, wie links man ist. Denn je weiter links jemand ist, desto mehr versteht er von den Zwängen, der Unterdrückung und der Ausbeutung der ihn unterdrückenden Gesellschaftsstrukturen. Je weiter links man ist, desto weniger Statusdenken hat man, desto weniger opportunistisch ist man, desto weniger ist man bereit, den Lügen zu glauben oder gar jemanden zu verraten. Großes Wissen bringt Verständnis und fordert Verantwortung. Verantwortung und Verrat sind (in der Politik) Antagonismen. Wer politisch erwachsen sein will, muß ein Linker werden.
Je linker – desto erwachsener.

Was hat ein radikal Linker also verstanden? – Daß der Kapitalismus Menschenrechte verletzt und die Welt zerstört.

Durch politisches Lernen kann man nach links voranschreiten. Um sich nach rechts zu entwickeln, muß man verlernen. Verlernen ist allerdings nicht konstruktiv.
Die Schule des Linksseins beruht auf diesem Konzept.
[Evariste]

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